Freitag, 28. Januar 2011

04.01.2011

Behinderter irrte vier Tage durch Berlin Passant fand Vermissten und ermittelte Familie

Am Silvestertag war Paul B. zu einem Spaziergang aufgebrochen. Er ist leicht behindert. Er hat den Weg zurück zur Wohnung der Eltern in der Charlottenburger Hektorstraße nicht mehr gefunden. Vier Tage blieb der 33-Jährige verschollen. Die Eltern hatten eine Vermisstenanzeige aufgegeben, der Vater hatte das ganze Viertel nach ihm abgesucht. Am Montag ist B. in Steglitz wieder aufgetaucht. Ein Passant hatte ihn mit nach Hause genommen.

Doch bleibt die Frage, wie ein Mensch in einer so belebten Stadt wie Berlin verloren gehen kann. Die Polizei sagt, dass der Mann die meiste Zeit im Europacenter verbracht habe. Der Wachschutz des Einkaufszentrums hat ihn dort sogar zweimal gesehen.

Das ergaben Recherchen des Managements des Einkaufszentrums, nachdem B. wieder gefunden worden war. In der Kneipe Bit-Stop hatte er ein Bier getrunken. Er habe mit sich selbst geredet, das sei den Wachmännern aufgefallen, sagt der Manager des Europacenters, Uwe Timm. Doch weil er „weder hilfsbedürftig noch irritiert“ gewirkt habe, hätten die Männer vom Sicherheitsdienst ihn nicht angesprochen.

Dass ein Gast Selbstgespräche führe, komme „leider öfter vor“ – so erklärt Mario Grimm, der im Bit-Stop kellnert, warum in der Kneipe keiner B. geholfen habe. Das Bit-Stop sei eine Touristenkneipe, fast keine Stammgäste. Gerade wenn dort so viel los sei wie zu Silvester, achte man nicht auf einzelne Gäste.

Die weitere Odyssee des Mannes durch Berlin ist schwer zu rekonstruieren. Die Eltern reden nicht mit der Presse, und die Polizei weiß wenig. Sie ermittelt nicht weiter, da B. letztlich nichts zugestoßen ist. Im Europacenter kann er seine Nächte nicht verbracht haben, obgleich das Einkaufszentrum rund um die Uhr geöffnet ist. Vier Wachmänner laufen Streife durch das Gebäude, an Silvester waren es sogar sechs. Wer sich zum Schlafen dort einrichtet, wird des Hauses verwiesen.

Es war in der Schlossstraße in Steglitz, als die Selbstgespräche des 33-Jährigen einen Passanten schließlich doch alarmierten. Der Mann nahm ihn mit nach Hause. B. sagte ihm dort, dass er einen Bruder in Charlottenburg habe. Nach vielen weiteren Fragen fand der Mann die Telefonnummer des Bruders heraus. Am Montag um 21 Uhr wurde B. seinen Eltern übergeben.

(c) Tagesspiegel


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