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Montag, 26. November 2012

Anruf am Morgen



Es muss kurz vor sieben gewesen sein, als das Telefon klingelte. Ich streckte mich über die Matratze nach dem Hörer, ganz so, wie ich es im Schauspielunterricht gelernt hatte, weil man als Schauspielerin in Filmen häufig die Szene spielen muss, dass man, noch schlafend, angerufen wird, und man sich dann über das Bett nach dem Telefon streckt, und genauso streckte ich mich im Halbschlaf, nahm ab und sagte hallo.
Die Person am anderen Ende der Leitung fragte:
Frau Lohan? Hallo, Frau Lohan? Spreche ich mit Lindsay Lohan? Frau Lohan, sind Sie dran? Hallo hallo Frau Lohan? Hallo? Lohan? Hallo hallo?
Ich bejahte seine Fragen, sagte, dass ich dran sei, aber er schien mich nicht hören zu können. Er wurde immer aufgebrachter: Hallo hallo? Frau Lohan? Können Sie mich hören? Hallo? Frau Lohan? Hallo!!! Lindsay Lohan, bin ich richtig bei Lindsay Lohan? Hallo? Haaalllooo? Ich kann Sie nicht hören, Frau Lohan, sind Sie am Apparat, Frau Lohan? Können Sie mich hören? Hallo? Wenn Sie mich hören können: Ich kann Sie nicht hören! Frau Lohan, irgendwas stimmt nicht mit der Leitung, sind Sie überhaupt dran, Frau Lohan, ich kann Sie nicht hören, Frau Lohan, können Sie mich hören? Ich kann Sie nicht hören, Frau Lohan, sind Sie überhaupt dran, Frau Lohan, spreche ich mit Lindsay Lohan, ich kann Sie nicht hören, Frau Lohan, hallo! Hallo? Ich kann Sie gar nicht hören, Frau Lohan, irgendwas stimmt hier nicht, sind Sie überhaupt dran, Frau Lohan? Hallo? Hallo? Ist da wer? Können Sie mich hören? Ich höre gar nichts. So eine Scheiße.
Dann legte er auf. Ich legte auch auf. Nach wenigen Sekunden klingelte das Telefon erneut. Ich nahm ab.
Hallo?, sagte ich.
Hallo, können Sie mich hören?
Ja.
Ah, da bin ich aber froh. Ich hatte eben schon mal angerufen, aber ich habe nichts gehört.
Ich weiß, sagte ich.
Sie haben mich gehört?, fragte die Person am anderen Ende.
Ja, sagte ich.
Ich konnte Sie aber nicht hören, sagte er.
Ich weiß, sagte ich.
Ich habe bestimmt fünfzehn mal gefragt, ob Sie mich hören können, aber ich habe Sie nicht gehört.
Ich weiß, sagte ich, ich habe Sie ja gehört.
Ja richtig, sagte er, Sie haben mich ja gehört, nur ich habe Sie nicht gehört. Da stimmte irgendwas nicht, da war irgendwas komisch mit der Verbindung, ich habe Sie einfach nicht gehört.
Ich weiß, sagte ich, ich konnte es hören.
Ja richtig, erwiderte er, Sie konnten es ja hören. Nur ich konnte es nicht hören, also Sie, Frau Lohan, konnte ich nicht hören. Ich spreche doch mit  Frau Lohan?
Ja, sagte ich.
Hallo?, fragte die Stimme am anderen Ende.
Ja, sagte ich, ich habe ‚ja’ gesagt!
Hallo?, fragte die Stimme. Hallo? Ich kann Sie nicht mehr hören… Frau Lohan? Können Sie mich hören?
Ja, sagte ich, ich kann Sie hören.
Hallo, sagte der Mann am anderen Ende, ich kann sie nicht hören, hallo, sind Sie noch dran? Hallo, Frau Lohan? Hallo? Ich kann Sie nicht mehr hören, Frau Lohan? Hallo? Können Sie mich hören?
Ja, sagte ich (ich war inzwischen hellwach).
Hallo, rief die Person ins Telefon, hallo!? Ich kann Sie gar nicht mehr hören, Frau Lohan, irgendwas stimmt hier nicht, sind Sie überhaupt noch dran, Frau Lohan? Hallo? Hallo? Ist da wer? Können Sie mich hören? Ich höre gar nichts. So eine Scheiße.
Er legte auf. Auch ich legte auf. Nach einigen Sekunden klingelte das Telefon erneut. Ich ließ es einfach klingeln. Irgendwann hörte es wieder auf. Ich war erleichtert.
Dann, vielleicht eine halbe Minute später, klingelte das Telefon erneut. Ich ließ es wieder eine Weile klingeln, dann nervte es mich aber so, dass ich doch abnahm.
Es war wieder die selbe Person.
Hallo, sagte er, Frau Lohan? Hallo? Spreche ich mit Frau Lohan, können Sie mich hören?
Ja, sagte ich.
Uuuh, da bin ich aber erleichtert, sagte er.
Wer sind Sie überhaupt, fragte ich.
Charly Mendozino, antwortete er.
Und weshalb rufen Sie an, fragte ich.
Ich bin Filmproduzent, sagte er, und ich würde gerne ein Projekt mit Ihnen besprechen!
Worum geht es denn, fragte ich.
Es geht um die Verfilmung Ihres Lebens, antwortete Charly Mendozino. Leider hat aber Megan Fox, die die optimale Besetzung für Sie gewesen wäre, kurzfristig abgesagt, und da sind Sie uns sofort eingefallen. Könnten Sie sich das vorstellen?
Das wäre wunderbar, sagte ich, sehr gerne.

Nach all dem Ärger in der letzten Zeit war das endlich wieder eine gute Nachricht!

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Meine Drehpausenbegegnung mit Dudikoff



Michael Dudikoff hatte sich eine Selleriestange vom Buffet genommen. Er wirkte etwas einsam und verlassen, wie er da herumstand. Also ging ich auf ihn zu und begrüßte ihn und fragte, wie es ihm gehe.
Gut, sagte Michael Dudikoff, es geht mir wieder sehr gut. Ich habe inzwischen wieder zu einer großen Fröhlichkeit zurückgefunden, nach dem ich ja eine lange Krise hatte.
Was war denn?, fragte ich.
Ach, ich hatte wirklich keine gute Zeit, sagte er. Die letzten zwei Jahrzehnte bin ich wirklich durch ein tiefes Tal gegangen. Aber ich möchte Sie nicht mit meinem Kram belasten. Das ist wirklich nicht so wichtig.
Nein, sagte ich, Quatsch, tun Sie ja nicht. Was war denn los?
1989, sagte er, 1989 habe ich doch diesen Film gedreht, ‚River of death – Fluss des Grauens’.
Er sah mich an und machte eine lange Pause.
Keine Ahnung, sagte ich, kann sein, bestimmt habe ich ihn gesehen, ich kann mir nur die Namen von Filmen immer nie merken.
Macht ja nichts, sagte er, jedenfalls haben wir den in Südamerika gedreht. Es gibt da diese Szene wo ich nachts im Dschungel durch den Fluss schwimme und wate.
Michael Dudikoff machte eine Pause und sah mich fragend an.
Ich weiß das jetzt nicht mehr so genau, sagte ich, ich habe den Film wahrscheinlich damals gesehen, das ist ja schon lange her.
Ja, ist lange her, sagte Michael Dudikoff, ist lange her. Also jedenfalls haben wir diese Szene mehrmals drehen müssen, weil es Probleme mit der Beleuchtung gab. Ich musste da immer wieder durch diesen Fluss waten und schwimmen, mitten im nächtlichen Dschungel, und dabei muss ein kleiner Wurm in meinen Hintern eingedrungen sein, ein Parasit. Ich habe das bei dem Dreh selbst nicht gemerkt. Aber wenige Tage nach dem Dreh der Szene habe ich beim Kacken plötzlich festgestellt, dass mein Stuhl bläulich verfärbt war. Ich meine, ich hatte gar keine Beschwerden oder so, aber man erschrickt natürlich, wenn das auf einmal blau ist.
Das glaube ich, sagte ich.
Naja, sagte Michael Dudikoff, natürlich bin ich gleich zum Arzt. Der hat mich untersucht und geröntgt, hat dann aber ziemlich schnell festgestellt, dass ich eben diesen bestimmten Wurm im Darmtrakt habe. Er hat mir erklärt, dass er sich da eben an die Darmwand angedockt habe und da als Parasit nun lebe. Ich habe den Arzt natürlich gefragt, was man dagegen machen könne, und der Arzt hat mir gesagt, dass man nichts dagegen machen könne, allerdings sei das auch nicht weiter schlimm, schließlich habe man selbst keine Beschwerden, lediglich der Stuhl verfärbe sich eben bläulich, was ja aber nicht schlimm sei. Außerdem sei es sowieso so, dass der Wurm mit der Stelle im Darm irgendwann verwachsen würde zu einem Organismus, der Wurm und ich nach und nach also gewissermaßen ineinander aufgehen würden, womit sich das Problem ja dann sowieso löse. Ich war ziemlich geschockt, muss ich sagen. Ich habe das zwar erstmal so weggesteckt, aber auf Dauer hat mich das wirklich fertig gemacht. Ich bin einfach nicht auf den Gedanken klargekommen. Ich habe gedacht, ich muss doch der bleiben, der ich bin, ich bin doch Michael Dudikoff, das kann doch nicht sein, dass ich mit so einem Wurm zusammenwachse. Ich will Ihnen das im Detail ersparen, auf jeden Fall habe ich eine ziemliche Identitätskrise bekommen, Depressionen auch, das ging in den Neunzigern los und ging bis vor zwei Jahren, eine wirklich schwere Zeit. Ich habe auch keine Rollen mehr bekommen aufgrund der Depressionen. Aber als ich wirklich nicht mehr weiter wusste, ist mir dann klargeworden, dass das auch nur ein bestimmtes Konzept ist, diese Individualität, die immer auf Ausgrenzung angelegt ist, und dass ich das einfach nur mal anders denken muss. Als mir das klar wurde, war es auf einmal gar nicht mehr schlimm, dass der Wurm und ich jetzt eben zusammen einen Organismus bilden, ich habe gelernt, mich selbst offener zu denken, nicht immer so abgegrenzt zu meiner Umwelt. Warum auch nicht? Naja, und seitdem bin ich wieder sehr fröhlich und lebenslustig.
Die Pausenglocke schellte.
Oh, sagte ich, entschuldigen Sie, Herr Dudikoff, jetzt ist die Pause schon rum und ich habe Sie durch meine Fragerei vom Essen abgehalten.
Ach, macht nichts, sagte Michael Dudikoff, dann nehme ich es halt mit und esse es später, ist ja kein Problem.
Er wickelte die Selleriestange in eine Serviette und steckte sie in seine Jackentasche.