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Sonntag, 11. August 2013


die sonne 
von paco guerrero álvarez

hinter den hügeln taucht sie auf
hinter die hügel kehrt sie zurück
dort ist das meer
dort ist die stadt
dazwischen die ewige wüste
regen fällt und fällt
wo?
dort
und dort
und dort
auf wen?
auf mich
ich bin der fünfte apokalyptische reiter
seht ihr mich?
dort tauche ich aus dem blut unserer feinde

Freitag, 9. November 2012


Ich sehe das graue Jackett des Schriftstellers Pierluigi Montalbán, und ich sehe, wie die langen Finger des Schriftstellers Pierluigi Montalbán einen weißen Fussel vom Stoff des grauen Jacketts zupfen. Das Theater „Abyssus“ ist zur Hälfte mit Passagieren gefüllt, die nach vorn zur Bühne blicken, wo der Schriftsteller Pierluigi Montalbán auf einem Hocker aus der Bar „Herrlichkeit der imperialen Landschaft“ sitzt, mit aufgeschlagenem Buch auf dem Schoß, und zurück ins Publikum schaut mit einem Ausdruck im Gesicht, als würde er die Welt nicht mehr verstehen. Ein Mitarbeiter der Reederei „Hargenau & Robertson“ erhebt sich von seinem Sitz in der ersten Reihe und spricht zu den Gästen, ich sehe ihn und seinen Mund von der Loge aus, wie er auf und zu und auf und zu geht. Dann setzt er sich wieder, die Leute applaudieren, der Schriftsteller Pierluigi Montalbán holt tief Luft und beginnt aus seinem Roman „Das Stellwerk“ zu lesen. Seine Stimme heult wie ein Sturm. Der Schriftsteller Pierluigi Montalbán liest einen komplizierten Abschnitt, der weder gut ausgearbeitete Figuren noch Naturbeschreibungen noch humorvolle Anekdoten enthält, ein einziger quälender Satz, der die Demokratie verteufelt, der westlichen Zivilisation mit dem Untergang droht, den Präsidenten und Ministern aller Republiken auf der Welt eine tödliche Krankheit wünscht, minutiös die optimale Hinrichtung von zwanzig Beamten erklärt, den Bau einer großen Fabrik beschreibt, die es ermöglicht, alle Bewohner der führenden Industrienationen zu Rotwurst zu verarbeiten, die Umgestaltung der Parlamente zu Elefantenhäusern oder Bordellen anregt und den gleichzeitigen Abschuss ausnahmslos aller Atomraketen fordert, um den Mond zu zerstören. Der Schriftsteller Pierluigi Montalbán klappt das Buch zu, hebt den Kopf und blinzelt in das Licht der Scheinwerfer hinein, kneift die Augen zusammen, als suche er jemandem in der Dunkelheit des Theaters, schwitzt und atmet schwer dabei. Das Publikum ist verärgert, einige Leute sind bereits gegangen, andere sind auf Krawall aus und fangen an, herumzuschreien. Der Schriftsteller Pierluigi Montalbán scheint kein Mensch zu sein, dem Abneigung nichts ausmacht. Er rutscht vom Hocker, hebt die Hände und will sich erklären, beendet aber seine Sätze nicht, verhaspelt sich und erzählt irgendetwas, das niemand versteht. Die Leute kochen und schlucken ihren Ärger hinunter, aber nur unter Vorbehalt, denn beim kleinsten Fehltritt dieses verrückten Schreiberlings werde man noch schlimmer als zuvor schimpfen und den ganzen Saal auseinandernehmen, ruft ein alter Mann und droht mit dem Zeigefinger. Der Schriftsteller Pierluigi Montalbán streckt den Rücken durch, greift sich mit der rechten Hand in den linken Ärmel seines grauen Jacketts und zieht den Zipfel eines blauen Tuchs hervor, zieht und zieht, das Tuch ist lang, sehr, sehr lang, und entfaltet sich wie ein Segel, in das der Wind hineinbläst, die ersten Leute klatschen und rufen „Bravo!“, der Schriftsteller Pierluigi Montalbán rupft immer schneller und schneller das Tuch aus seinem Jackett, die Leute im Parkett springen auf und greifen sich an die Köpfe, das Tuch bedeckt jetzt schon die gesamte Bühne, wirft Falten, bauscht sich auf, wogt über den Boden und schließlich verschwindet auch der Schriftsteller Pierluigi Montalbán darunter, die Leute schreien und trampeln, da blenden Scheinwerfer auf und erhellen den ganzen Saal, dass es in den Augen schmerzt, alles ist auf einen Schlag still, die Umrisse des Schriftstellers Pierluigi Montalbán stürzen in sich zusammen, die Wellen des Tuchs glätten sich, ruhig liegt es nun da, nichts befindet sich mehr darunter, die Leute klatschen und pfeifen und gehen hinaus, ich folge ihnen, wir schwanken vergnügt.       

Freitag, 15. Juni 2012

„Ich nehme das Gurkensüppchen, das Rinderfilet und ein Stück Schokoladenkuchen auf Sahne.“
„Sehr wohl“, sagte der Kellner.
„Haben Sie auch Rosmarinkartöffelchen?“
„Ja, aber es sind eher Kartoffeln. Keine Kartöffelchen.“
„Ist gut. Die nehm’ ich.“
„Was möchten Sie trinken?“
„Ich glaube, ich nehme die Limonade, die grüne, ‚Jibbyjibby ...’ Wie spricht man das aus?“
„‚Jibbyjibbyjibbjibb-jibbjibb’“, sagte der Kellner mit einer atemberaubenden Schnelligkeit, die einem Kunststück gleichkam.
„Jibbyjibbyjibbyjibby“, versuchte ich es noch einmal.
„‚Jibbyjibbyjibbjibb-jibbjibb’.“
„Jibbyjibb-jibbyjibb?“
„Fast. ‚Jibbyjibbyjibbjibb-jibbjibb’.“
„Jibbyjibbjibbyjibb-jibb-jibbjibbjibb?“
„Üben Sie nur“, sagte der Kellner, „üben Sie nur, Sie bekommen’s schon noch hin.“
„Ach ja“, sagte ich, nachdem der Kellner weg war, und streckte die Beine unter dem Tisch aus.

Montag, 12. März 2012

Die Seenotrettungsübung am Nachmittag verlief ohne Komplikationen. Alle Passagiere mussten sich mit Schwimmwesten bekleidet in einem bestimmten Abschnitt des Schiffes einfinden. In meiner Gruppe traf ich niemanden, den ich kannte, bis auf die junge Offizierin, die auf dem Sonnendeck die Leute beruhigt und die ich am Abend zuvor im Restaurant „Attikas Licht“ gesehen hatte. Sie führte die Übung mit uns durch, zählte die verschiedenen Alarmsignale auf, erklärte die Funktionsweise unserer Westen und wies uns ein, wie im Falle eines Falles die Evakuierung auf die Rettungsboote vonstatten zu gehen hatte. Die ganze Zeit über quälten mich Einbildungen sexueller Art, ich stellte mir nackte Frauen und Mädchen vor, die lediglich Rettungswesten trugen und hilflos in einem dunklen Meer schwammen, Paare, die in den heruntergelassenen Rettungsbooten miteinander vögelten, Schiffsoffiziere, die sich die weißen Uniformen vom Leib rissen und auf der Kommandobrücke eine Orgie zelebrierten, ich sah mich in einem weiteren Restaurant ängstlich sitzen, das wie ein SM-Studio eingerichtet war, mit Haken zum Aufhängen, Schaukeln und Folterbänken, die mit schwarzem Leder bezogen waren, ich sah riesige Penisse, die aus den Schornsteinen des Schiffes heraus- und wieder hineinfuhren, verschiedene Regen, die auf das Schiff herniedergingen (ein Regen aus Menstruationsblut, ein Regen aus Tränen, ein Regen aus Sperma, ein Regen aus Schweiß), Johnny, der einsam in der Schiffsbibliothek an einem Regal stand und seinen Penis in den Zwischenraum zweier Diktatorenbiografien gesteckt hatte („Leben und Sterben Nicolae Ceaușescus“ von Brian Dippoldis und „Der trostlose General. Argentinien unter Jorge Videla“ von Epefania Cueva Dominguez), die drei Pools auf dem Sonnendeck, in denen sich Menschen räkelten (der erste Pool randvoll mit Menstruationsblut, der zweite Pool randvoll mit Maracujasaft, der dritte Pool randvoll mit Sperma), die Joysticks der Automaten in der Spielhalle, die zu glänzenden Dildos geworden waren (oder mir nur deshalb in den Sinn kamen, weil sie sich eben überhaupt nicht verändert hatten, weil sie schon immer Dildos gewesen waren, worüber aber niemand zu sprechen wagte), liebestolle, umnachtete Wale, die ihre wuchtigen Körper gegen den Schiffsrumpf schlugen, und eine Pokerpartie im Casino, bei der nicht um Plastikchips, sondern um Menschen gespielt wurde. Dann war die Seenotrettungsübung auch schon wieder vorüber, und alle kehrten fröhlich dahin zurück, wo sie hergekommen waren.