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Donnerstag, 14. März 2013



Im Jahr 1513 knirschten die Geröllfelder unter den Schritten der Wanderer.

Im Jahr 1513 erhob sich Fridi Weber von der hölzernen Bank vor ihrem Haus, um einen kleinen Vogel mit gelbem Bauch beim Nestbau zu beobachten. Der Vogel aber flog fort, um Material zu suchen.

Definitiv etwas später als im Jahr 1513 erfuhr ich, dass ich meine Fahrprüfung bestanden hatte und fühlte mich nun endlich frei.

Im Jahr 1315 befand sich die Eidgenossenschaft ebenfalls im Kriegszustand.

Der Souvenirverkäufer Schirr klopft gelegentlich mit den Knöcheln seiner rechten Hand gegen den hölzernen Fensterrahmen in seinem Laden. Er verkauft kleine Taschenmesser, Glocken und Kantonswappen als Schlüsselanhänger (zum Beispiel). Wenn man ihn fragt, ob er weiß, in welchem Jahr sein Haus erbaut wurde, sagt er: Nein.

Die Schweizer Jazzband Trio Rigoros wurde aufgrund ihres Albumtitels „Fifteenthirteen“ zur 500 Jahrfeier des Kantons Appenzell eingeladen, lehnte diese Einladung allerdings ab, da sich der Titel nicht etwa auf den Beitritt zur Eidgenossenschaft beziehe, sondern auf die Sendezeit ihres ersten Radioauftrittes.

Der Appenzeller Sattler Rudi Keller behauptet, im Betrieb seiner Familie seien 1512 festliche Pferdegeschirre hergestellt und in die ganze Welt verkauft worden, bevor er schließlich das Gewerbe aufgab, um eine Ausbildung als IT-Kaufmann zu beginnen.

Die zwölfjährige Marthe Gugg zeichnete bereits im Januar 1513 in der Stube ihrer Eltern mit einem verkohlten Holzstück die Umrisse der heutigen Schweiz auf den Esstisch. Sie bekam dafür mehrere Hiebe mit einem Rohrstock auf ihre ausgebreiteten Finger und durfte nicht am Abendessen teilnehmen.

Die am 28. März 1986 in New York geborene US-amerikanische Sängerin Lady Gaga hieß zum Zeitpunkt ihrer Geburt mit vollem Namen Stefani Joanne Angelina Appencella Germanotta, legte allerdings schon im Alter von 16 Jahren den Beinamen ab, der an eine entfernte Schweizer Verwandtschaft erinnern sollte. Über die Gründe hierfür hüllt sich Stefani Joanne Angelina Germanotta heute in Schweigen. 



Dienstag, 12. März 2013



Die Landschaften Appenzells im Jahre 1513


Langsam hebt der Tyrannosaurus rex seinen klobigen Kopf und schaut über den Rand des künstlichen Wassergrabens. In der Ferne, nicht weit von Steinegg, heuen die Bauern. Ein Pterodactylus stürzt die Saxer Lücke hinunter, breitet die Schwingen aus und segelt mit dem Licht der Mittagssonne von den Bergen hinab ins Tal. Dort sitzen einige Anhänger der SVP im Eiscafé und fürchten sich vor den Ausländern. Ein Motorrad mit Beiwagen knattert über die Weide. Der Tyrannosaurus rex öffnet das Maul, schmatzt und zwinkert, dann senkt sich sein Kopf in den Graben zurück, wo sich das liebe Tier ein weiteres Mal am kühlen, klingelnden Sprudeln des Bächleins gütlich tut.

In einem dichten Dornwald bei Urnäsch verbirgt sich eine flache, pilzartige Kreatur, deren tausend Fangarme sich bei Vollmond, so sagt man, aus dem Unterholz winden. Die Bewohner der umliegenden Weiler, deren Häuser, Scheunen und Mühlen sich in den hellen Nächten schwarz wie Grabsteine gegen den funkelnden Sternenhimmel abzeichnen, pflegen alle Türen und Fenster fest zu verschließen, bevor die breiten Wolken das weiße, satte Strahlen des Mondes freigeben. Manchen deutschen Wanderer, Handelsreisenden oder betrunkenen Wirrkopf, der sich zur gottlosen Stunde zwischen den Dörfern herumtrieb, verfolgten die Tentakel bis hinter Meistersrüte. Spätestens dort, glaubt man dem Volksmund, drangen die bleichen, feuchten Spitzen der Fangarme in die Körperöffnungen dieser armen Teufel ein, pumpten ein ätzendes Sekret in ihre Gedärme und ließen die wimmernde, zitternde Hülle Mensch zu Füßen eines mit Efeu umflorten Hügelgrabes, im bloßliegenden Wurzelwerk eines Mahagonibaums oder am Ufer eines grünlich blubbernden Weihers zurück. Alle Jahre wieder tauchen unbekannte, blasse Kinder mit schwarzen Augen und blutigen Hasenscharten vor den Türen der Kolonialwarenläden und Amtsstuben der Dörfer auf, versuchen zornig, sich verständlich zu machen, gleichwohl ihr Gekrächze niemand versteht, und verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Die Große Verwüstung liegt zwischen Schwendbach und Seealpsee. Ihre Ausmaße umfassen nur wenige Hektar und doch hat sich ihr furchterregendes, summendes Wesen tief in die Herzen aller Schweizer, Burgunder, Vaduzer und Vorarlberger gegraben. Ihre Entstehung ist unbekannt, genauso wie ihr Nutzen. Die Große Verwüstung ist eine farblose Fläche. Rundherum steht dunkel das Alpsteinmassiv und duldet schweigend und ohnmächtig diesen entsetzlichen Ort. Kein Tier, keine Pflanze lebt hier, nicht einmal schwarze Käfer oder fahles Unkraut. Betritt ein Mensch, so ist in den Broschüren der örtlichen Kurverwaltung zu lesen, die Große Verwüstung, ist er Herr und Gebieter über seine ihm zur Verfügung stehende Zeit. Stundenlang wird er reglos ausharren und keinen Ton machen können. Ein anderer verschwindet innerhalb eines Augenblicks, und die Kantonspolizei spürt ihn am Ende des Tages in einer nahen Beiz auf, ahnungslos am Kamin sitzend, einen Krug Milch in der Hand. Ein dritter erblickt von hier vielleicht die finstere Unendlichkeit des Alls, die Geometrie der Leere, die Küsten Dänemarks im Jahre 4323, das goldene Bollwerk in den Wolken, den vom Gehäuse befreiten Kern, die kalten Wüsten des Mars, das graue Gesicht eines schwatzenden Toten oder das blühende Netzwerk, das alles mit allem verbindet. Der Eintritt beträgt siebzehn Franken und wird von Mitarbeitern der örtlichen Kurverwaltung eingezogen.

Der Schweizer Ozean zählt zu den Sieben Weltmeeren und bildet die südöstliche Grenze des Kantons Appenzell. Seine Wasser sind fischreich, der Meeresboden mit Korallen und spanischen Galeonen bedeckt, an den windumtosten Gestaden brüten federlose Möwen und bepelzte Schildkröten. Im Jahre 1513 entstehen die Wurzeln der heutigen Kreuzfahrtindustrie: Einzelne riesige Schiffe, auf denen die Berner, Zürcher und Genfer Patrizier mit ihren Familien das Wochenende verbringen, durchpflügen die wogende Weite des Ozeans, schwimmende Schlösser aus Holz, das Schweizerkreuz knattert im salzigen Wind. Die Spelunke „Hinkende Jungfrau“ im Hafendörfchen Brülisau ist berüchtigt dafür, Piratenkapitänen und ihrem wilden Gefolge Unterschlupf zu gewähren. Perlentaucher aus Osteuropa verdingen sich weit unterhalb der Mindestlohngrenze. Nach Stürmen lassen sich oft die stinkenden Überreste von Riesenkalmaren am Strand finden. Die Küstenbewohner besitzen eine Haut, die wie Bronze schimmert, flechten sich lebendige Seesterne ins Haar und zimmern aus Treibgut, Walblubber und Palmholz die absonderlichsten Dinge, Möbelstücke, Küchengeräte, Trödel, Devotionalien, die einen starken Einfluss auf die Entstehung des Schweizer Konstruktivismus ausübten. Ihre Gesellschaft ist streng matriarchalisch organisiert, die Männer werden, wenn sie alt geworden sind, mit einem kleinen Kahn hinaus auf See geschickt, um zu sterben. Beim alljährlichen Fest zu Ehren des untergegangenen Paramapuku, des letzten von geflohenen Sklaven gegründeten Königreichs in Europa, finden sie sich in Gruppen am Strand zusammen, zünden gefangene Schildkröten an und blasen mit aller Kraft durch ausgehöhlte Walknochen, worauf ein intensives Vibrato die gesamte Küste entlang erschallt, das bei ungeübten Zuhörern temporäre Kaltherzigkeit, Euphorie bis zum Wahnsinn oder plötzliches Koten hervorrufen kann. 

Die U-Bahn des Hauptortes Appenzell ist seit jeher ein Hort der vergessenen Dichter, der Königinnen und Könige der Unterwelt und der Anhänger aussichtsloser Revolutionen. Im Jahre 1513 fräsen sich die Tunnel bereits bis in den Tessin hinunter. Niemand weiß genau, wohin die silbernen, führerlosen Züge überall fahren. Beim Rest der Bevölkerung sind die düsteren, schmutzigen Wartesäle, die zerschlitzten Polster der Sitzbänke, die aufgebrochenen Snackautomaten und der drückende Gestank des Todes, der aus den Schächten weht, nicht sehr beliebt. Seit annähernd 550 Jahren bemüht sich die Initiative „Die U-Bahn gehört uns!“, den Ruf des Appenzeller Nah- und Fernverkehrs zu verbessern. Trotz aller Anstrengungen gedeiht auf den zahlreichen Linien die Kriminalität: Drogen- und Organhändler reisen bevorzugt zwischen Appenzell und Zürich, die Taschen voll mit Waren oder zerknüllten Frankenscheinen. Die Linie Appenzell-Innsbruck wird von einem Zug befahren, der komplett für den Betrieb eines illegalen Bordells benutzt wird. Die Bahn, die im Zweistundentakt nach Augsburg unterwegs ist, wird ständig von paramilitärischen Banden gewaltsam angehalten, den wenigen Fahrgästen raubt man alles Hab und Gut, sogar Entführungen sollen bereits mehrfach stattgefunden haben. Auf der Linie Appenzell-Genf blüht der Handel mit raubkopierten Filmen und Serien, exotischen Tierarten, gestohlener Kunst, Kreditkartendaten und gefälschten Ausweisen. Auch sind in den meisten Stationen die Rolltreppen kaputt.

Die kreischenden Wiesen!
Die Seilbahnstation, die der mächtige Säntis wie ein albernes Hütchen trägt!
Die sittsamen Wasser der Bergseen, in denen das Grauen sich verbirgt!
Die Unzufriedenheit der Appenzeller Sennenhunde mit ihrer Situation!
Das zur Sömmerung gezwungene Braunvieh!
Der leuchtende Käse!
Die Tränen der Berge!
Der fröhliche Säckelmeister!
Die schaurigen Skipisten!
Das Seufzen der Kantonalbank!
Der flammende Schniedelwutz des schwarzen Bären!
Die lachenden Täler!
Der Langsamverkehr! Der Langsamverkehr!
Die schwachsinnige Sonne!
Carlo!
Das Frauenstimmrecht! Das Frauenstimmrecht!
Die singende Grenze!
Das Veloland! Das Skatingland! Das Kanuland! Das Mountainbikeland!
Die Willensnation! Die Willensnation!
Der listige Bergmolch!
Ueli!
Hopp!
Hopp!
Hopp!

Am Abend kommt eine Giraffenherde von der Alp ins Tal zurück. Auf dem Hof spielen Kinder mit Holzfiguren, die Laserstrahlen verschießen können, die auf der Haut zwicken. Die Sonne zerbricht auf den Zacken der Berge. Liechtenstein wird von deutschen Truppen in Sekundenschnelle überrannt. Ein Rööschti springt aus der Pfanne, sagt „Tschau!“ und geht hinaus in die Dunkelheit. Die Kirchturmuhr läutet eine halbe Minute zu spät. Friedrich Dürrenmatt ruft bei der Post an und fragt, wann sein Paket endlich komme, auf das er seit Tagen warte. Am CERN erschafft der Teilchenbeschleuniger ein Schwarzes Loch, das den diensthabenden Wissenschaftler einsaugt und hinter der Hundwiler Höhi wieder ausspuckt. Jemand schiebt sich eine Wurststulle in den Mund und denkt, kurz bevor der „Tatort“ anfängt, über die Wiedervereinigung von Außer- und Innerrhoden nach. Ein Computer piept. Das Jahr 1513 wird auch vorübergehen.

Dienstag, 5. Februar 2013

Zitate zur Verwendung und Betrachtung

Im Jahr 1513 ist an viel Orten der Welt ein ufrührisch blutigs Jahr
gsyn, durch hart Gestirn und Sonnenfinstere verzeigt.
(Anselm, Berner Chronik)

Die Eigentümlichkeit der Appenzeller, ihrem Gedächtnis und starken Arme mehr zu vertrauen als
den Pergamenten, prägt sich in dem vielfach empfundenen Mangel an Urkunden aus. Im Archiv
zu Appenzell fand sich keine einzige Urkunde, die von dem Eintritt Appenzells handelte (vom
Bundesbrief abgesehen), wie übrigens auch im Stadtarchiv keinerlei Material zu finden war.
Die neugierige Nachwelt sucht oft umsonst in den innern Gang der appenzellischen Geschichte
einzudringen. Nur in schwachen Umrissen sind Personen erkennbar.

Hier müssen wir uns den eidgenössischen Angelegenheiten zuwenden.

Der erste Versuch Appenzells, eidgenössisches Bundesglied zu werden: 1501.
Der zweite Versuch: 1510. Sie liessen daher ihre Botschaft zu den Orten reiten und erneuerten ihre
Werbung vom Jahre 1501. Neun Tage später richteten Landammann und Rat von Appenzell ein
Schreiben an den Rat von Luzern mit der dringenden Bitte, sie „als fromm lüt, die sie ob got will sind
und an ihnen sin wollent, zu ainem ort wie die stett Fryburg, Soloturn vnd Schaffhusen“ anzunehmen.
Durch die gütige Vermittlung des Herrn Staatsarchivar Dr. v. Liebenau in Luzern wurde uns eine
Abschrift des Briefes zugestellt.
Der dritte Versuch: 1512.
Offenbar machten sich die Appenzeller die „bedenklichen Zeitläufe“ zu nutze.

Im Jahr 1513 ist an viel Orten der Welt ein ufrührisch blutigs Jahr gsyn, durch hart Gestirn und
Sonnenfinstere verzeigt. (Anselm, Berner Chronik)

In dieser düsteren Periode äusserer Macht und innerlichen Niederganges vollzog sich der Umschwung
in der Stimmung der Eidgenossen gegen ihre todesmutigen Kampfgenossen von Appenzell. Mit
grosser Behendigkeit ergriff es die Gelegenheit.

Obgleich der Abt von St. Gallen jährlich 400 Fuder Wein in seinen Keller brachte, zwang er seine
Konventualen sauren Wein zu trinken, bis sie krank wurden. Der Abt selbst trank, so gerne er Silber
und Gold sah, doch aus einem hölzernen Becher.

Die überaus heftige Opposition des Abtes lässt sich erklären. Seine Besorgnis, seine Furcht vor
dem gewaltthätigen Ubermut der Appenzeller war ebenso begründet, wie der Hinweis, dass sie ihre
Stellung überhaupt nur der Gewalt, nicht dem Rechte zu verdanken haben.

In Zürich fand der Abt ein offenes Ohr.

Im Jahr 1513 hob der Bauherr und Vorsitzende der Innerrhoder Reedereiwirtschaftsordnung, das
Mitglied des Großen Rats, Adalbert Spichtig, behutsam die zitternde Tasse unnachgiebig zum Mund.

Am Dienstag nach Lucientag, am 13. Dezember 1513, nahm die Tagsatzung in Zürich, welche
Appenzell den endgültigen Entscheid bringen sollte, ihren Anfang. Aber erst am folgenden Tage
versah Zürich seine Boten mit der Instruktion, der Eidgenossen Antwort zu hören und, falls sie
diese geneigt sehen, Appenzell anzunehmen, unter Vorbehalt des Burg- und Landrechts ebenfalls
einzuwilligen.

Die Instruktion von Mittwoch nach Lucientag, 14. Dezember 1513, die wir dem freundlichen
Entgegenkommen des Herrn Staatsarchivar Labhart verdanken, hat folgenden Wortlaut: Uff die
pitt so unser Eidtgnossen von appenzell, si für ein Ortt wie Friburg, Soloturn und Schaffhusen sind
ufzunemen, getan, habent min herren Rat und burger sich erkennt, der Eidtgnossen antwort zu hören,

und sover si an denselben erfindent, dz si willens sind, si in sölicher gestalt anzunemen, wölent min
herren das selb och gestatten und darin willigen, doch also dz min herren von Zürich und Lutzern
Ir burgerrecht und unser Eidtgnossen von Swytz und Glarus Ir landtrecht, so wir vier ort mit dem
gotzhus Sant Gallen habent, in allem Inhalt und Ustruck, lutter und eigentlich unbedingend und
vorbehaltend.

Leider meldet keine Überlieferung, welche Orte neben Bern es waren, deren Eintreten für Appenzell
es bewirkte, dass seiner Aufnahme stattgegeben werden musste.

Auf derselben Tagsatzung, da der Bischof von Verulam den päpstlichen Gruss und Segen
überbrachte und den Eidgenossen ein Bündnis mit Leo X. antrug, da auch der kaiserliche Bote
sich einfand, um die Eidgenossen von eben diesem Bunde abzumahnen, erfolgte am Schlusse
der Verhandlungen die Aufnahme Appenzells als XIII. Ort: „Unser lieben Eydgnossen von
Appenzell sind für ein Ort angenommen, wie Fryburg, Soloturn und Schaffhusen und ouch
jeder Bott weiss zu sagen“.

Das genaue Datum der Aufnahme ist nicht zu bestimmen; jedenfalls war es nicht der 13. Dezember.

So war das ersehnte Ziel endlich erreicht.

Es mag den Nachkommen vergönnt sein, das dürftige Denkmal der Appenzeller mit einem Kranze
dankbarer Erinnerung zu schmücken. Wen seine Moralität daran hindert, der möge des Wortes
von Jakob Burckhardt gedenken: „Das 15. Jahrhundert erzog Menschen mit andern Nerven, als die
unsrigen sind.“

Dienstag, 1. Januar 2013


Das Jahr 2013 begann hingegen so: dass ich am 1. Januar gegen fünf Uhr morgens aufwachte, als draussen eine Frau schrie, dass die Frau schrie nein, nein, begann also so, dass ich aufstand und erst aus dem falschen Fenster, das nämlich den Platz überblickt, schaute und keinen Menschen sah, aber weiterhin schrie die Frau ganz in der Nähe, so dass ich auch noch aus dem zweiten Fenster schaute, das der relativ steil abfallenden Einfahrt in die Strasse zugewendet ist, dort sah ich die Frau, die schrie oder vielmehr eine Gestalt, die auf der Strasse lag, sie trug einen schwarzen Wintermantel mit einem Gürtel um die Taille, so viel erkannte ich, es war noch nicht hell geworden, auf ihr kniete ein Mann, den ich nur von hinten sah, er packte die Frau dann an ihren Armen und zog sie, die auf dem Asphalt lag, in die Richtung des Platzes am unteren Ende der Einfahrt, es schien ihn keine grosse Anstrengung zu kosten, er hob ihren Körper dann leicht vom Boden auf und drückte sie gegen eine der Betonstufen, die den Platz umgaben, der Kopf und der Rücken der Frau lagen nun auf dieser Stufe, ihr Körper stark rückwärts gebeugt, der Mann schien sich mit grossem Gewicht auf ihren Brustkorb zu stützen, die Frau schrie, nein, nein, versuchte ihr Becken in die Luft zu stemmen, um nicht gegen die Kante der Betonstufe gedrückt zu werden, der Mann, der eine Kopfbedeckung und eine helle Hose trug, liess von ihr ab und schrie, als die Frau versuchte aufzustehen, stiess er sie mit beiden Händen gegen die Brust, so dass sie wieder auf die Stufe fiel, ich hatte das Fenster geöffnet, einige Fussgänger gingen am oberen Ende der Einfahrt vorbei, nur dunkle Umrisse, die Frau entwischte und rannte auf das steile Strassenstück zu, aber der Mann hatte sie mit wenigen Schritten eingeholt, der Mann schrie, die Frau lag vor ihm auf dem Asphalt und schütze mit den Händen ihr Gesicht, der Mann sagte einen letzten Satz und wandte sich dann plötzlich ab, folgte dem Strassenverlauf mit schnellen Schritten, die Frau blieb einen Augenblick lang liegen, dann stand sie auf, sie nahm ihre Tasche, die ich erst jetzt überhaupt sah und rannte die Einfahrt hoch, so schnell, schien mir, wie sie konnte und bog links in die Hauptstrasse ein, ich ging zum zweiten Fenster, das den Platz und den weiteren Strassenverlauf überblickte und sah den Mann, der sich erst noch entfernte, aber dann plötzlich kehrt machte, er kam langsam auf den Platz zu und erst als er den Platz und die Einfahrt wieder überblickte und erkannte, dass die Frau verschwunden war, dass die Frau wider Erwarten nicht auf ihn gewartet hatte, begann er zu rennen, er rannte in hohem Tempo die Einfahrt hoch und verschwand ebenfalls auf der Hauptstrasse. Nur einen Moment später hörte ich eine Stimme, die in einiger Entfernung wiederholt Abre la puerta rief, ich war mir aber nicht sicher, ob es sich bei der Stimme um diejenige der Frau handelte.