Posts mit dem Label 500 Jahre Appenzell werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label 500 Jahre Appenzell werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 13. März 2013

500 Jahre Appenzell - Erste Orientierung (Das grosse Gespräch über die Zukunft XII)


Im Jahr 1513 führen sieben Wege in den historischen Kanton Appenzell: ein Fußpfad über Kloster Wonnenstein nach Süden gen Haslen und Schlatt; die alte Pilgerstrecke von St. Gallen-Rorschach, südwestlich über Wolfhalden, Grub, Rehetobel, Wald bis Weissband und Schwende; die Bergbahn nach Brüllsau im Norden; die Flosstrecke auf dem unter Kaiser Antonius Pius (86-161) errichteten rätischen Aquädukt entlag dem Urnäsch nach Hundwil; nach Herisau ein durch Wald und Sumpf führendes schlecht bestimmtes Netz von Fußpfaden der dort ansässigen Fallensteller, Raubnomaden und Kleinerfischereien; die Flusstrecken nach Westen via Aach und Aubach und nördlich vom Seealpsee, nach vormaligem Aufstieg vom St. Gallener Kanton.

1513 hatte, nach einigem Hin und Her, Vor, und Zurück, die „Ewige Richtung“ zwischen Sigismund von Tirol und der Alten Eidgenossenschaft schon 39 Jahre gegolten.

Im Jahr 1513 hob der Bauherr und Vorsitzende der Innerrhoder Reedereiwirtschaftsordnung, das Mitglied des Großen Rats, Adalbert Spichtig, behutsam die zitternde Tasse unnachgiebig zum Mund.

Im Jahre 1513 saßen im Appenzell, wie im Spanien des 18. Jahrhunderts oder im Berliner Vierviertelbergsviertel die Eingeborenen auf einem Baumstamm oder Klappstuhl auf einem Einbaum und fuhren den Fluss hinauf Richtung Gebirge.

1513 fand man im Appenzell, wie im historischen Ghana, Mittel und Wege.

500 Jahre Appenzell - Literaturhinweise und Lieder (Das große Gespräch über die Zukunft XI)

Thomas Schwemer: Ziel erreicht? : Untersuchung zur beruflichen Integration ehemaliger Schülerinnen und Schüler des Sonderschulheims Bad Sonder in Teufen. Bern : Ed. Soziothek 2005, S. 47, XII Bl.

Fleur Jaeggy: Die seligen Jahre der Züchtigung. Berlin : Berlin Verlag 1996, 119 S.

Jakob Vetsch-Hübscher: Die Laute der Appenzeller Mundarten.
Beiträge zur schweizerdeutschen Grammatik 1. Frauenfeld : Huber
1910, 254 S. : Kt. + 4 Beil.

Alfred Tobler: Kühreihen oder Kühreigen, Jodel und Jodellied in Appenzell. Leipzig [u.a.] : Hug 1890, 30 S. : Notenbeisp. + 7 Musikbeilagen

Alfred Tobler: Sang und Klang aus Appenzell – eine Sammlung älterer Lieder für 4-stimmigen Männerchor. Zürich [u.a.] : Gebr. Hug 1899, 482 S.

Oh Blume, weh
Oh weh, oh weh
Ein einzig „Stirb!“ ver-
steh, versteh
Einige verlor’ne Seelen heiligen die Mittel vor dem Zweck
So weht der Wind der Weisheit – unerbittlich, fremd – über uns hinweg

500 Jahre Appenzell (Das große Gespräch über die Zukunft X)


Im Jahr 1513 saß im Kanton Appenzell der jüngere Bruder des Bauherrn und Vorsitzenden der Innerrhoder Reedereiwirtschaftsordnung und Mitglieds des Großen Rats Adalbert Spichtig auf der Panoramaterrasse eines appenzeller Griechen, in einer Spalte zwischen zwei appenzeller Gesteinsplatten, Betonplatten oder unbehandelten Holzbohlen aus den Wäldern nördlich des Kantons Appenzell zu dieser Zeit konnte er gerade noch seine Armbanduhr verschwinden lassen, den Blick währenddessen abwärts auf die Straße gerichtet, auf die mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen appenzeller Menschen und Tiere, die dort entlanggingen, fleißig damit befasst, einfache, aber ehrliche Arbeiten zu verrichten, wie es damals im Appenzell genauso wie anderswo in Afrika üblich gewesen ist – da hatte ihm gegenüber schon der ausländische Gast Platz genommen und auf den Rüeblikuchen gezeigt, der vor dem jüngeren Bruder des Adalbert Spichtig, des Bauherrn und Vorsitzenden der Innerrhoder Reedereiwirtschaftsordnung und Mitglieds des Großen Rats, auf einer schlechten Serviette auf einem unwichtigen Teller auf einen groben Tisch lag.
IST DAS SO EIN RÜEBLIKUCHEN
fragte er gleich
JA, SO EINER IST DAS, JA
sagte der jüngere Bruder des Bauherrn, Vorsitzenden und Mitglieds des Großen Rats Adalbert Spichtig
OH
sagte der ausländische Gast
VIELEN DANK
JA, SO EINER IST DAS, SO EINER WIE ER BEI UNS ÜBLICH IST IN DIESER ZEIT, IN DER WIR HIER REDEN, SO WIE ER HIER ÜBLICH IST UND ANDERSWO NICHT, SO WIE ER JETZT HIER ÜBLICH IST UND AB JETZT NIE WIEDER IRGENDWO SONST
VIELEN DANK, JA
sagte der ausländische Gast
UND WIE GEHT ES IHNEN
ACH, ICH WEISS ES NICHT
WIESO
fragte der ausländische Gast, der sich nicht auskannte, nicht ein noch aus wusste, der völlig unerfahren war, und den man in wichtigen Angelegenheiten besser nicht befragte, wollte man nicht Ratlosigkeit, Unerfahrenheit und sonstwie schlechte Angewohnheiten riskieren
ICH WEISS ES NICHT
sagte der jüngere Bruder des Ersten Vorsitzenden der Innerrhoder Reedereiwirtschaftsordnung Adalbert Spichtig
ICH FÜHLE MICH SO SELTSAM, MERKWÜRDIG IRGENDWIE, ICH WEISS NICHT WIE, ICH WEISS ES NICHT, ES IST EIN GANZ SONDERBARES GEFÜHL
WIESO, FÜHLEN SIE SICH NICHT WOHL, KÖRPERLICH
NEIN, ODER VIELLEICHT DOCH, ODER, WENN MAN, ICH, ES IST SCHWER ZU BESCHREIBEN, ICH WEISS NICHT, WIE ICH ES SAGEN SOLL –
ICH WEISS JA, EIN „WIE GEHT ES IHNEN“, DAS WILL MAN NICHT HÖREN, WENN ES EINEM SCHLECHT GEHT. ES TÄTE MIR LEID, WENN ICH UNHÖFLICH GEWESEN SOLLTE. DAS TÄTE MIR LEID
NEIN, JA, ALSO EHRLICH GESAGT WAREN SIE DAS SCHON
WAS DENN
UNHÖFLICH, JA, SEHR SEHR UNHÖFLICH UND GROB
HM
ICH, ES IST SCHWER ZU BESCHREIBEN, ICH WEISS NICHT, WIE ICH ES – SCHAUEN SIE DOCH
Dort stand ein weißer appenzeller Korbstuhl auf der Panoramaterrasse des appenzeller Griechen und sah aus wie eine kleine schwebende weiße Wolke, einsam am blauen Himmel über dem Land.
JA, DAS IST SCHÖN
sagte der Ausländer
DAS SIEHT SCHÖN AUS
JA
sagte der jüngere Bruder
SCHÖN JA
NICHT?
DOCH
AHA
JA DOCH SCHON SCHÖN JA
WAR ES DAS WAS SIE MIR ZEIGEN WOLLTEN? WOLLTEN SIE MIR DEN WEISSEN STUHL ZEIGEN, DER DORT EINSAM SCHWEBT WIE EINE KLEINE WEISSE WOLKE AM HIMMEL ÜBER DEM APPENZELLER LAND? AM HIMMEL DA? MEINEN SIE DEN? DEN STUHL? DEN WEISSEN KORBSTUHL DA? MEINEN SIE DEN APPENZELLER KORBSTUHL DA, WOLLTEN SIE MIR DEN ZEIGEN? ICH SEHE DA EINEN KLEINEN WEISSEN APPENZELLER SCHWEBENDEN KORBSTUHL AM BLAUEN HIMMEL AUF DER TERRASSE ÜBER DEN LAND – DAS KANN JA ALLES MÖGLICHE BEDEUTEN, ABER WENN SIE DAS MEINEN, WENN SIE MIR DEN ZEIGEN WOLLTEN – WOLLTEN SIE MIR DEN – MEINEN SIE – DER HIMMEL IST JA BLAU MIT DEM STUHL DA, DOCH – DAS KÖNNTE – WENN SIE – ICH STELLE NUR FRAGEN, VERSTEHEN SIE – ICH FRAGE NUR, SEH MIR WAS AN, DEN STUHL AUCH ZUM BEISPIEL, DEN KORB DA , STUHL, HIMMEL ODER NICHT, WEISS ODER NICHT ODER BLAU – MEINEN SIE DENN DEN – IST DENN – KÖNNTE ICH DENN – WO – WANN DENN WIESO – WAS MEINEN SIE DENN – WAS – WAS DENN –
fragte der Ausländer
WAS DENN –
wollte der Ausländer wissen
WAS DENN –
war des Ausländers Begehr
WAS DENN –
musste der Ausländer also unbedingt wissen
WAS DENN –
fragte er, der Ausländer
WAS DENN –
wie ich es an seiner Stelle auch getan hätte
WAS DENN –
oder lieber nicht
WAS DENN –
lieber nicht
WAS DENN –
nein, besser nicht
WAS DENN –
ganz und gar nicht
WAS DENN –
nein, wieso auch
WAS DENN –
wo denn
WAS DENN –
wo denn sollte ich solches wie so ein Ausländer
WAS DENN –
wann sollte ich denn wie ein Ausländer so was
WAS DENN –
ja
WAS DENN –
was denn –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN – WAS
WAS DENN –
OH WAS DENN – WAS
WAS DENN JETZT –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN – WAS
WAS DENN –
OH WAS DENN – WAS
WAS DENN JETZT –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN – WAS
WAS DENN JETZT–
OH WAS DENN – WAS
WAS DENN JETZT –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN –
WAS – WAS DENN – WAS
WAS DENN JETZT –
OH WAS DENN – WAS
WAS DENN JETZT –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN –
WAS DENN – WAS
WAS DENN JETZT –
WAS – WAS DENN – WAS
WAS DENN JETZT –
OH WAS DENN – WAS
WAS DENN JETZT –
WAS – WAS DENN –
WAS DENN JETZT –
WAS DENN – WAS
WAS DENN JETZT – WAS DENN – WAS?

"Der Fladen von Richisau"



Im Oktober 1983 fand der Landwirt Johann Egli auf einer der Zementplatten, mit der die Auffahrt zu seinem Hof in Richisau ausgelegt war, einen eingetrockneten Kuhfladen in Form des Kantons Appenzell Innerrhoden. Oder genauer: Einen großen, dicken Haupthaufen, sowie zwei weitere kleinere Spritzer in der Form der beiden Ortsteile Obereggs. Johann Egli besaß damals (schon seit längerer Zeit spielte er mit dem Gedanken, die Viehwirtschaft ganz einzustellen) nur noch acht Rinder, es war aber natürlich für ihn trotzdem nicht mehr feststellbar, von welcher der Kühe der Fladen stammte, da er schon bereits seit zwei oder drei Tagen in der Auffahrt gelegen haben musste. (Und selbst wenn es feststellbar gewesen wäre, so wäre dieses Wissen heute nutzlos, da Johann Egli seinen Rindern keine Namen gab. Und selbst wenn sie einen Namen gehabt hätten, so wüssten wir jetzt vielleicht den Namen der Kuh, aber der Name einer Sache hat mit der Sache letztlich wenig zu tun und alle Kühe Johann Eglis sind, so wie er selbst, längst von der Welt verschwunden). Jedenfalls löste der erstaunte Johann Egli die drei unterschiedlichen Fladen behutsam mit einem Spachtel aus Weißblech vom Untergrund und brachte sie ins Haus, wo er sie (in Leintücher eingewickelt) verwahrte und Gästen des Hauses gelegentlich zeigte. Obwohl Egli kein großes Aufheben darum machte, sprach es sich natürlich schnell herum und bald berichtete auch die lokale Presse über die getrockneten Ausscheidungen, was einerseits zu Erstaunen in der Bevölkerung, in erster Linie jedoch zu Spott und Häme führte. Besonders unter Linken, Möchtegernkünstlern, Arbeitsverweigerern, Schachspielern, Motorradrockern, Schreinern und Gymnasiallehrern führte der Gedanke, der Kanton Appenzell Innerrhoden sei etwas, was stinkend aus dem Hintern eines Rindes gefallen sei, zu großer Belustigung und Spott. Im ersten Augenblick vielleicht nachvollziehbar, so zeigen diese Reaktionen aber auch, wie sehr Niedertracht, Dummheit und Ignoranz in der Bewertung solcher Dinge eine Rolle spielen. Denn bei behutsamerem Nachdenken bedeutet der Sachverhalt ja nichts anderes, als dass der Kanton Appenzell Innerrhoden in den Gewerken der Natur (und seien es nur die Eingeweide einer Kuh, aber was heißt denn ‚nur‘!) immer schon enthalten war, dass seine Form und sein Sein natürlichen Ursprungs und sogar – je nachdem, wie man es mit der Religion hält – in der Schöpfung bereits mitgedacht war. Aber natürlich ist es einfacher, zu spotten, als sich wundernd und nachdenkend den Dingen zuzuwenden. Der Fladen befindet sich auch heute noch im Besitz der Familie Egli, die ihn aber aufgrund der vielen negativen Reaktionen nicht mehr vorführt.
Dass der Fladen allerdings in Richisau, also im Kanton Glarus, und nicht im Kanton Appenzell Innerrhoden selbst entstand, ist vermutlich Zufall. Zumindest habe ich keine Erklärung dafür. 

Dienstag, 12. März 2013



Die Landschaften Appenzells im Jahre 1513


Langsam hebt der Tyrannosaurus rex seinen klobigen Kopf und schaut über den Rand des künstlichen Wassergrabens. In der Ferne, nicht weit von Steinegg, heuen die Bauern. Ein Pterodactylus stürzt die Saxer Lücke hinunter, breitet die Schwingen aus und segelt mit dem Licht der Mittagssonne von den Bergen hinab ins Tal. Dort sitzen einige Anhänger der SVP im Eiscafé und fürchten sich vor den Ausländern. Ein Motorrad mit Beiwagen knattert über die Weide. Der Tyrannosaurus rex öffnet das Maul, schmatzt und zwinkert, dann senkt sich sein Kopf in den Graben zurück, wo sich das liebe Tier ein weiteres Mal am kühlen, klingelnden Sprudeln des Bächleins gütlich tut.

In einem dichten Dornwald bei Urnäsch verbirgt sich eine flache, pilzartige Kreatur, deren tausend Fangarme sich bei Vollmond, so sagt man, aus dem Unterholz winden. Die Bewohner der umliegenden Weiler, deren Häuser, Scheunen und Mühlen sich in den hellen Nächten schwarz wie Grabsteine gegen den funkelnden Sternenhimmel abzeichnen, pflegen alle Türen und Fenster fest zu verschließen, bevor die breiten Wolken das weiße, satte Strahlen des Mondes freigeben. Manchen deutschen Wanderer, Handelsreisenden oder betrunkenen Wirrkopf, der sich zur gottlosen Stunde zwischen den Dörfern herumtrieb, verfolgten die Tentakel bis hinter Meistersrüte. Spätestens dort, glaubt man dem Volksmund, drangen die bleichen, feuchten Spitzen der Fangarme in die Körperöffnungen dieser armen Teufel ein, pumpten ein ätzendes Sekret in ihre Gedärme und ließen die wimmernde, zitternde Hülle Mensch zu Füßen eines mit Efeu umflorten Hügelgrabes, im bloßliegenden Wurzelwerk eines Mahagonibaums oder am Ufer eines grünlich blubbernden Weihers zurück. Alle Jahre wieder tauchen unbekannte, blasse Kinder mit schwarzen Augen und blutigen Hasenscharten vor den Türen der Kolonialwarenläden und Amtsstuben der Dörfer auf, versuchen zornig, sich verständlich zu machen, gleichwohl ihr Gekrächze niemand versteht, und verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Die Große Verwüstung liegt zwischen Schwendbach und Seealpsee. Ihre Ausmaße umfassen nur wenige Hektar und doch hat sich ihr furchterregendes, summendes Wesen tief in die Herzen aller Schweizer, Burgunder, Vaduzer und Vorarlberger gegraben. Ihre Entstehung ist unbekannt, genauso wie ihr Nutzen. Die Große Verwüstung ist eine farblose Fläche. Rundherum steht dunkel das Alpsteinmassiv und duldet schweigend und ohnmächtig diesen entsetzlichen Ort. Kein Tier, keine Pflanze lebt hier, nicht einmal schwarze Käfer oder fahles Unkraut. Betritt ein Mensch, so ist in den Broschüren der örtlichen Kurverwaltung zu lesen, die Große Verwüstung, ist er Herr und Gebieter über seine ihm zur Verfügung stehende Zeit. Stundenlang wird er reglos ausharren und keinen Ton machen können. Ein anderer verschwindet innerhalb eines Augenblicks, und die Kantonspolizei spürt ihn am Ende des Tages in einer nahen Beiz auf, ahnungslos am Kamin sitzend, einen Krug Milch in der Hand. Ein dritter erblickt von hier vielleicht die finstere Unendlichkeit des Alls, die Geometrie der Leere, die Küsten Dänemarks im Jahre 4323, das goldene Bollwerk in den Wolken, den vom Gehäuse befreiten Kern, die kalten Wüsten des Mars, das graue Gesicht eines schwatzenden Toten oder das blühende Netzwerk, das alles mit allem verbindet. Der Eintritt beträgt siebzehn Franken und wird von Mitarbeitern der örtlichen Kurverwaltung eingezogen.

Der Schweizer Ozean zählt zu den Sieben Weltmeeren und bildet die südöstliche Grenze des Kantons Appenzell. Seine Wasser sind fischreich, der Meeresboden mit Korallen und spanischen Galeonen bedeckt, an den windumtosten Gestaden brüten federlose Möwen und bepelzte Schildkröten. Im Jahre 1513 entstehen die Wurzeln der heutigen Kreuzfahrtindustrie: Einzelne riesige Schiffe, auf denen die Berner, Zürcher und Genfer Patrizier mit ihren Familien das Wochenende verbringen, durchpflügen die wogende Weite des Ozeans, schwimmende Schlösser aus Holz, das Schweizerkreuz knattert im salzigen Wind. Die Spelunke „Hinkende Jungfrau“ im Hafendörfchen Brülisau ist berüchtigt dafür, Piratenkapitänen und ihrem wilden Gefolge Unterschlupf zu gewähren. Perlentaucher aus Osteuropa verdingen sich weit unterhalb der Mindestlohngrenze. Nach Stürmen lassen sich oft die stinkenden Überreste von Riesenkalmaren am Strand finden. Die Küstenbewohner besitzen eine Haut, die wie Bronze schimmert, flechten sich lebendige Seesterne ins Haar und zimmern aus Treibgut, Walblubber und Palmholz die absonderlichsten Dinge, Möbelstücke, Küchengeräte, Trödel, Devotionalien, die einen starken Einfluss auf die Entstehung des Schweizer Konstruktivismus ausübten. Ihre Gesellschaft ist streng matriarchalisch organisiert, die Männer werden, wenn sie alt geworden sind, mit einem kleinen Kahn hinaus auf See geschickt, um zu sterben. Beim alljährlichen Fest zu Ehren des untergegangenen Paramapuku, des letzten von geflohenen Sklaven gegründeten Königreichs in Europa, finden sie sich in Gruppen am Strand zusammen, zünden gefangene Schildkröten an und blasen mit aller Kraft durch ausgehöhlte Walknochen, worauf ein intensives Vibrato die gesamte Küste entlang erschallt, das bei ungeübten Zuhörern temporäre Kaltherzigkeit, Euphorie bis zum Wahnsinn oder plötzliches Koten hervorrufen kann. 

Die U-Bahn des Hauptortes Appenzell ist seit jeher ein Hort der vergessenen Dichter, der Königinnen und Könige der Unterwelt und der Anhänger aussichtsloser Revolutionen. Im Jahre 1513 fräsen sich die Tunnel bereits bis in den Tessin hinunter. Niemand weiß genau, wohin die silbernen, führerlosen Züge überall fahren. Beim Rest der Bevölkerung sind die düsteren, schmutzigen Wartesäle, die zerschlitzten Polster der Sitzbänke, die aufgebrochenen Snackautomaten und der drückende Gestank des Todes, der aus den Schächten weht, nicht sehr beliebt. Seit annähernd 550 Jahren bemüht sich die Initiative „Die U-Bahn gehört uns!“, den Ruf des Appenzeller Nah- und Fernverkehrs zu verbessern. Trotz aller Anstrengungen gedeiht auf den zahlreichen Linien die Kriminalität: Drogen- und Organhändler reisen bevorzugt zwischen Appenzell und Zürich, die Taschen voll mit Waren oder zerknüllten Frankenscheinen. Die Linie Appenzell-Innsbruck wird von einem Zug befahren, der komplett für den Betrieb eines illegalen Bordells benutzt wird. Die Bahn, die im Zweistundentakt nach Augsburg unterwegs ist, wird ständig von paramilitärischen Banden gewaltsam angehalten, den wenigen Fahrgästen raubt man alles Hab und Gut, sogar Entführungen sollen bereits mehrfach stattgefunden haben. Auf der Linie Appenzell-Genf blüht der Handel mit raubkopierten Filmen und Serien, exotischen Tierarten, gestohlener Kunst, Kreditkartendaten und gefälschten Ausweisen. Auch sind in den meisten Stationen die Rolltreppen kaputt.

Die kreischenden Wiesen!
Die Seilbahnstation, die der mächtige Säntis wie ein albernes Hütchen trägt!
Die sittsamen Wasser der Bergseen, in denen das Grauen sich verbirgt!
Die Unzufriedenheit der Appenzeller Sennenhunde mit ihrer Situation!
Das zur Sömmerung gezwungene Braunvieh!
Der leuchtende Käse!
Die Tränen der Berge!
Der fröhliche Säckelmeister!
Die schaurigen Skipisten!
Das Seufzen der Kantonalbank!
Der flammende Schniedelwutz des schwarzen Bären!
Die lachenden Täler!
Der Langsamverkehr! Der Langsamverkehr!
Die schwachsinnige Sonne!
Carlo!
Das Frauenstimmrecht! Das Frauenstimmrecht!
Die singende Grenze!
Das Veloland! Das Skatingland! Das Kanuland! Das Mountainbikeland!
Die Willensnation! Die Willensnation!
Der listige Bergmolch!
Ueli!
Hopp!
Hopp!
Hopp!

Am Abend kommt eine Giraffenherde von der Alp ins Tal zurück. Auf dem Hof spielen Kinder mit Holzfiguren, die Laserstrahlen verschießen können, die auf der Haut zwicken. Die Sonne zerbricht auf den Zacken der Berge. Liechtenstein wird von deutschen Truppen in Sekundenschnelle überrannt. Ein Rööschti springt aus der Pfanne, sagt „Tschau!“ und geht hinaus in die Dunkelheit. Die Kirchturmuhr läutet eine halbe Minute zu spät. Friedrich Dürrenmatt ruft bei der Post an und fragt, wann sein Paket endlich komme, auf das er seit Tagen warte. Am CERN erschafft der Teilchenbeschleuniger ein Schwarzes Loch, das den diensthabenden Wissenschaftler einsaugt und hinter der Hundwiler Höhi wieder ausspuckt. Jemand schiebt sich eine Wurststulle in den Mund und denkt, kurz bevor der „Tatort“ anfängt, über die Wiedervereinigung von Außer- und Innerrhoden nach. Ein Computer piept. Das Jahr 1513 wird auch vorübergehen.

Donnerstag, 7. März 2013













"Rüeblikuchen
Norbert, ein echter Schweizer, etwas ruhig und scheinbar langsam, brachte eines Tages diesen frischen Kuchen mit ins Institut. Ein Erlebnis!
Er ist ein idealer Osterkuchen. Wie aus einschlägigen Kinderbüchern bekannt, essen Osterhasen am liebsten Möhren, die Schweizer Osterhasen halt - Rüebli."


 


Mittwoch, 30. Januar 2013

500 Jahre Appenzell (Das große Gespräch über die Zukunft IX)


Schlacht am Stoss 
1405
Felsblöcke Hellebarden
Äußere Macht
Innerer Niedergang 
wie einst 

am Vögelinsegg
1403
nur der Gewalt, nicht dem Rechte zugetan
am zugewandten Ort
Acht alte Orte nur

Untertanengebiete 
hier
Gemeine Herrschaft

Bruder Klaus, Schutzpatron der Schweiz, 
ich bin 
auf guter Freunde Rat
hierher zu dir gekommen,
um zu fragen:

Wohin geht die Welt?
Was ist geheim?
Wie geht es meinen Lieben?
Wo ist die Schweiz?