Donnerstag, 14. Juni 2012

Heute, auf dem Theaterfestival Neue Stücke aus Europa (1. Tag), waren in der Dokumentartheateraufführung Schwarze Milch (was mich übringens an den Text Milch aus schwarzer Schale von Michael Duszat erinnert, in dem es um Hexerei geht, wie ein bißchen auch in der Inszenierung hier in Wiesbaden und auf ebenfalls dokumentarische Weise, allerdings, wie hier in Wiesbaden am Ende  nicht, auf diese Weise: Dokument+Poesie - wo ist denn dieser Text Milch aus schwarzer Schale, den man, statt diese Inszenierung hier in Wiesbaden zu sehen, einmal und nocheinmal und wieder lesen sollte, wo ist er denn?) waren in der Dokumentartheateraufführung Schwarze Milch die Schauspielerinnen Kühe, die Brüste der Schauspielerinnen waren Euter, denn es war ein Stück über Kühe (in Lettland), und scherzhaft wurden sie, die Kühe in der Inszenierung, von einem der Schauspieler, der ein Bauer war, "Schauspielerinnen" genannt ("Meine Mädels, diese Kühchen, Schauspielerinnen sind das!").

Neben mir sagte ein Greis: "Scheiße, so ein Scheißstück", zwei Stunden lang, doch die Inszenierung endete nicht, sondern ging weiter und weiter, bis sie doch geendet ist.


Perineum


Am 14. Februar hatte ich plötzlich einen Einfall, der mich zu einer seltsamen Entdeckung führte. Ich hielt mir in meiner Wohnung in der Holsteinstraße einen kleinen Handspiegel zwischen die Beine und sah einen Ort, von dem ich nichts wusste. Mir war, als hätte ich diesen Ort, der dort zwischen Glied und Anus lag, noch nie zuvor gesehen, oder wenn ich ihn schon mal gesehen hatte, so hatte ich ihn vergessen über die Jahre, weil er nie erwähnt wurde, immer nur vom Glied gesprochen wurde oder vom Arsch, aber niemals von diesem sonderbaren Zwischenort, Perineum genannt, oder Damm, und ich hatte ihn nie gesehen, weil er sich vor den Blicken, die ja aus meinen Augen oben im Kopf herauskommen wie bei jedem, einfach versteckt hatte über all die Jahre.
Und nun sah ich plötzlich diesen Ort zwischen meinen Beinen, eine Landschaft, die dort in der Abgeschiedenheit prächtig zu gedeihen schien. Wälder wuchsen dort, eine zarte, hügelige Landschaft, in der Tiere weideten, zwischen Auen und Bächen. Über all die Jahre hatte man dort wohl auch Straßen gebaut, Siedlungen angelegt, und war zu einem Wohlstand gekommen, zu einer gewissen Blüte, Städte schossen empor. Und wenn man durch diese Städte hindurchging, über Boulevards und Alleen, so bekam ich den Eindruck, als sei die Bevölkerung hier sehr zufrieden, als fehle es an nichts. Ich ging für eine Weile umher und wunderte mich. Nach dem ich einige Zeit durch die Straßen flaniert war, setzte ich mich dort vor einer Eisdiele ins Freie. Am Nebentisch saß eine junge Frau, die Marina hieß und Deutsch als Fremdsprache unterrichtete, wie sich später herausstellte. Ich erzählte ihr, dass ich diesen Ort erst jetzt entdeckt hatte. Marina sagte, es läge wohl daran, dass die Region in den Medien und somit letztlich auch in der eigenen Wahrnehmung einfach vergessen werde, man einfach nicht von ihr spreche, weil sie in gewissem Sinn identitätslos sei. Man spreche eben entweder vom Meer, vom  Pimmel, von den Alpen oder vom Arschloch, aber nicht von etwas, das sich zwischen diesen Gefilden befinde, was touristisch natürlich eine ziemliche Katastrophe sei. Man versuche das jetzt aber zu ändern, indem man sich bemühe, der Region ein eigenes Profil zu geben, es handele sich ja auch um eine äußerst erogene Zone, das werde oft vergessen. Ja, sagte ich, das habe ich schon bemerkt, als ich hier umhergewandert bin, das hat sich sehr gut angefühlt. Genau, sagte Marina, siehst Du!

Mittwoch, 13. Juni 2012

Mittwoch, 6. Juni 2012






William Byrd (II) of Westover, 4. Mai 1711:

"Ich stand um 6 Uhr auf, las zwei Kapitel auf Hebräisch und ein wenig Griechisch in Lukian. Ich betete und nahm mein Frühstück zu mir. Ich tanzte meinen Tanz. Das Wetter war kalt. Ich schickte das Mädchen mit einem Brief, der von Mr. Perry betr. sein Schiff kam, zu Colonel Hill... Ich beglich meine Rechnungen. Mein krankes Dienstpersonal war wieder gesund, Dank sei Gott dem Allmächtigen. Meine Schwester und Colonel Eppes kamen und blieben zum Essen... Ich las bis zum Abend juristische Schriften und machte dann einen Spaziergang auf der Plantage, um zu sehen, wie alles stand, aber meine Frau blieb zu Hause und war melancholisch. Ich betete, erfreute mich guter Gesundheit, guter Gedanken und war gut gelaunt, Dank sei Gott dem Allmächtigen. Ich blies meiner Frau einen Tusch (d.h. er hatte Geschlechtsverkehr mit ihr)."

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Band 21, S. 189)

Dienstag, 5. Juni 2012

Ansage der Kollektiven Speisekammer von und mit Gabriela Oberkofler am 20. Mai 2012 während der Donaueschinger Heimattage in Donaueschingen




 Zur Feier dieses Tages und zum Wohl aller 
brachte Jeanette Ohnmacht aus Hüfingen Sauerkirschschnaps,
Marcel Frey brachte aus Karlsruhe 1 Einmachglas Trauben und 1 Einmachglas Pfirsich,
Jo Winter brachte aus Ammerbuch Krause XXX (getrocknet),
Dr. Elke Schatz brachte aus Villingen-Schwenn eingedünstete Williams Christ und Sauerkirschen,
Herbert Bayer brachte aus Donaueschingen eingelegte Paprika aus Vál in Ungarn, Gudrun Haug brachte aus Tuttlingen Orangenmarmelade,
Annegret Sulzmann brachte aus Hufingen Gepäck aus Marzipan,
und
Angela M. Flaig und Josef Bücheler brachten aus Rottweil Zwetschgenmus,
Dagmar Stark brachte aus Donaueschingen Marmelade Reneklode mit Zimt,
Martina Burger brachte aus Villingen-Schwenningen eingemachte Pfirsische,
Ulrika Murr brachte aus Donaueschingen-Wolterdingen Heimische Mirabellen,
Sigrun Arff-Schenk brachte aus Donaueschingen Fliederbeermarmelade,
und
Wolfgang und Adelheid Karrer brachten aus Donaueschingen Mirabellen-Chutney,
Reinhold Will brachte aus Donaueschingen Zwetschgenmus,
Dr. Angelika Munk-Rombach brachte aus Vöhrenbach Glühbirnen im 1,5 Liter Glas, eingemacht am 29.8.73, altersgemäß abgenutzt, oberste Glühbirne zerbrochen, und ein 1 Liter Weckglas „77er Birnen“ aus dem Haushalt der Schwiegermutter,
und
Dagmar Würthner brachte aus Trossingen 2 Ostereier und 3 Gläser Huflattich, XXXblüten und SpeisemarXXX,
Renate Bohrer brachte aus Königsfeld-Weiler Cantucini-Mandelgebäck, Schlehengelee, Kiwi-Bananen-Konfitüre, Quittengelee, Kompott, eingelegte Früchte, Raimund Oberföll brachte Birnen in Weisswein,
Annette Weyers brachte aus Tuningen Kirsch-Balsam-Essig aus eigener Produktion, das ist die Essigmanufaktur,
und
Sybille Schmid brachte aus Donaueschingen eingelegte weisse Kirschen,
Jutta Jäckel und Werner Barrho brachten aus Tuningen Vollkorn-Emmer-Nudeln,
Horst Fischer brachte aus Donaueschingen Rhabarber-Erdbeer-Marmelade,
Annette Baur brachte aus Donaueschingen Rote Beete,
und
Andreas Schmid brachte Aprikosen-Marmelade,
Eric Thomas brachte aus Donaueschingen Kürbis,
Annette Bikusch brachte aus Villingen Quittenschnitten,
Gerda und Eberhard Schmid brachten aus Donaueschingen eingekochte Mirabellen, und
Dagmar Igel brachte aus Brigachtal Schwarze Johannisbeeren / Jostabeeren-Konfitüre,
Ulrike Ritter brachte aus Donaueschingen 1 Glas Apfel-Konfitüre mit Vanille aus Jakob-Fischer-Äpfeln, Jakob Fischer, auch genannt „Der Schöne vom Oberland“,
und
Christa Maria Zimmermann brachte aus Donaueschingen ein Glas Konfitüre aus Zibarten, das sind Wildpflaumen, und Äpfeln,
Brigitte und Alexander Schmidt brachten aus Radolfzell Apfel-Zwetschgenmus mit Zimt, Quitten-Kürbis-Apfel-Chutney und Peperoncini,
Sabine XXX brachte aus Donaueschingen Zwetschgen-Rum-Topf,
Sigrun Arff-Schenk brachte aus Donaueschingen Fleischsülze,
und
Gabriele Reichle brachte aus Donaueschingen Holunderblütengelee und Holunderblütensirup,
und
die Evangelische Mattäusgemeinde brachte aus Villingen-Schwenningen Marbach selbstgekelterten Rhabarbersekt (Flaschengärung),
und
Dörthe Rothenhäusler brachte aus Villingen-Schwenningen Villingen Orangenmarmelade,
und
Margot Uhner brachte aus Tuttlingen eingeweckte Zwetschgen,
und
Stefan Gsellinger brachte aus Trossingen 1 Glas Honig,
und
Klaus Hoffmann brachte aus Villingen-Schwenningen Villingen 500g grob geschroteten Grünkern,
und
Michaela Tröscher brachte geräucherten Schinken,
Ingrid Schreck
brachte
aus Villingen-Schwenningen Villingen Rhabarber-Marmelade mit Zitrone,
Jeanette Ohnmacht brachte aus Hüfingen Erdbeer-/Waldfrucht-Marmelade,
Monika Marschall brachte aus Waldshut-Tiengen 16 Konfitüren, das sind 4 Muskateller Traubengelee,  1 Holundergelee, 2 Johannisbeergelee, 1 Brombeergelee, 3 Erdbeermarmelade, 1 Brombeer-Apfel-Marmelade, 2 Feigen-Marmelade, 1 Holunder-Birnen-Marmelade, 1 Feigen-Gelee und 1 Quitten-Gelee,
und sie brachte Feigensenf,
Andrea Böhringer brachte aus Waldshut-Tiengen Bio-Apfelmus,
Christine Müller brachte aus Donaueschingen Mixed Pickles,
Germana Metzger brachte aus Donaueschingen Zucchini süß-sauer-scharf, Ingwer Zwiebel Tomate, Kürbis-Ingwer süß-sauer, Johannisbeergelee und Schoko-Kaffee-Cassis-Likör,
Annette Rosenstiel brachte aus Hüfingen Rote Beete,
Klaus Scholl brachte aus Hüfingen Eingemachte Mirabellen,
und
Regina Plaschke brachte aus Donaueschingen Quittenmarmelade,
Claudia Weishaar brachte aus Donaueschingen 2 mal Heidelbeeren in Flaschen,
und
Gertrud und Siegfried Müller brachten aus Donaueschingen Apfelmus, Schlehen-Marmelade und Zwetschgen-Schoko,
Johanna Müller brachte aus Donaueschingen-Wolterdingen selbst eingemachte Mirabellen,
XXX Föhrenbach brachte aus Donaueschingen Quittengelee 2011, Jostamarmelade 2011, Roter Johannisbeersaft 2011 und Frühkirschen 2011,
T. XXX brachte Essiggurken,
Werner Barrho brachte aus Tuningen Urgetreide Emmer und Dinkel als Mehl und Nudeln, das sind 4 mal 800 Gramm Suppennudeln, 3,5 Kilogramm Emmervollkorn, 2,5 Kilogramm Dinkel und 1 Kilogramm Emmer Röhrlenudeln,
T. XXX brachte eingelegte Rote Beete,
Ursula Moch-Weiss brachte aus Donaueschingen eingelegten Knoblauch und Bärlauchpesto,
Gisela Rörch (Stadträtin) brachte aus Donaueschingen eigene Rumzwetschgen und Spezialmarmelade Brombeere / Weisser Rum + Chili,
Ingeborg Käfer brachte aus Brigachtal eingelegte Zucchini mit Curry und Zwetschgen mit Rotwein,
Elinor Verschoor brachte aus Donaueschingen Englische Orangen-Marmelade,
und
Marianne Riedmaier brachte aus Donaueschingen  Apfelgelee mit Schuss, Johannisbeergelee, Quitten, Apfelgelee mit Rosenblüten, Rumtöpfle und Birnen,
Barbara Zimmermann brachte aus Tannheim Rote Beete,
Liane Richter brachte aus Donaueschingen eingemachte Mirabellen,
Tanja Raufer und Lukas Gäbele brachten Zwetschgenschnaps,
und
Bernd und Constanze Amort brachten aus Donaueschingen Holundergelee,
Susanne XXX brachte aus Donaueschingen Bärlauchpesto, das ist Bärlauch in Öl mit Salz,
und
Heidi Kreuß brachte aus Brigachtal eingeweckte Frühpflaumen (säuerlich),
und
Claudia Hennemann brachte aus Donaueschingen-Wolterdingen Preiselbeeren aus dem Bregtal,
und
Christel Lang brachte aus Donaueschingen diverse Lebensmittel im Korb (rosa),
und
Heidi Noack brachte aus Donaueschingen eine Überraschung süßen oder saueren Inhalts,
und
Constance de Wijn
brachte
aus Donaueschingen Scharlotten-
und Feigen-Confitüre (süß-sauer).

(Listenarbeit: Hannes Becker, auf der Grundlange der handschriftlich ausgefüllten Spendenbögen)

Sonntag, 3. Juni 2012

HASS







Der 25 jährige Rudolph Gustav Hass möchte sich, aufgrund eines starken Gefühls in seiner Brust, im Jahr 1917 freiwillig zum Kriegsdienst bei der amerikanischen Armee melden. Es wird ihm aber die Teilnahme an den überseeischen Kampfhandlungen verweigert. Beim Militärarzt heißt es, was sich da geregt habe in ihm könne deutlich hörbar gemacht werden mittels eines herkömmlichen Stethoskops und würde gemeinhin als „murmur of the heart“ bezeichnet (murmur engl. für murmeln, raunen, murren, grummeln), ein Fehler am zentralen Organ, von deutschen Ärzten als „Herzgeräusch“ bezeichnet. Es handle sich dabei, teilte man dem zum bewaffneten Kampf in Europa bereiten Hass mit, um einen Geburtsfehler, der unter Umständen (das sei nicht überprüfbar) zwar verantwortlich sei für die Interpretation des Gefühls in seiner Brust als leidenschaftliche Abneigung, ihn jedoch in jedem Fall für den Militärdienst untauglich mache.
Dem ungeachtet hörte Rudolph Gustav Hass im weiteren Verlauf seines Lebens oftmals noch auf die Eingebungen seines murmelnden Herzens (im 6. Grad sehr laut, mit tastbarem Schwirren und Distanzgeräusch) – verliebte sich bald in seine spätere Frau Elisabeth Schuette und zog mit ihr nach Kalifornien, wo ihm die Züchtung einer neuen Avocadosorte gelang, die heute noch seinen Namen trägt und die, in der Mitte durchgeschnitten, wie die Landkarte des Inselstaates Sri Lanka aussieht. Ein Land, von dem man sagt, sein „Herz“ sei der Pidurutalagala, auch Mount Pedro genannt, ein 2534 Meter hoher Berg im zentralen Hochland, dessen Gipfel als militärisches Sperrgebiet deklariert und der Öffentlichkeit unzugänglich gemacht wurde.

Donnerstag, 31. Mai 2012

Das große Gespräch über die Zukunft (VII)

Ich bin heute hier, um Euch zu sagen, dass ich unaufhaltsam in die Zukunft stürze, ob Ihr dabeiseinwollt oder nicht. Ob Ihr zuhört oder nicht. Das sage ich und sage ich, jetzt und jetzt. Jemand hört zu, es ist immer noch jemand dabei. Vielleicht Ihr, aber wenn Ihr es nicht seid, andere. Manche Ideengeber grüßt man indirekt; nicht alle Zitate sind ausgewiesen - Ihr wisst wer ihr seid. Die Zukunft, in die ich stürze, da sind Menschen, schon jetzt, Menschen mit Ohren, die hier sind. Verbindlichkeit entsteht im Politischen nur, wo gemeinsam gehandelt wird; nicht da, wo jemand sich alleine etwas ausdenkt, es mag so triftig sein, wie es will. [...] Praxis macht politisch klug; Abstinenz von ihr dumm. Der Sturz in die Praxis ist der Sturz in die Zukunft: Auflösung von mir, Verwandlung von mir, da bin ich jetzt nicht mehr so wie jetzt. Ich bin an diese Zukunft gebunden, ABER ich muss so tun, als gäbe es KEINE Zukunft, als sei sie NICHT hier. Als müsste ich jetzt zu Euch sprechen, bin ich nie da in der Zukunft, bin ich nie der zukünftige Mensch. Als stünde ich ausschließlich vor Euch, nur jetzt, und könnte nicht weiter, vor mir das Ende, ein Tod, Ihr, ich, nur privat. Vom Tod, dem Privaten, zu sprechen: Das ist dazu da, die Zukunft zu leugnen, das ist dazu da, das Wort selbst zu leugnen, das davon spricht. (Ihr seid dazu da, die Zukunft zu leugnen.) Und dabei wäre der Tod durch ein einziges Wort von mir an Euch geleugnet, sofort: alles öffentlich, sofort, wenn ich das Wort nur jetzt wirklich sagte, hier, und es nicht nur aufschriebe, und wegwäre. (Ich bin bereits jetzt hineinzerrüttet ein öffentliches Verhältnis zu mir selbst: Text.) Aufschreiben, Wegsein: Das heißt, nur immer zu hören, ohne zu wissen, ob man selbst gehört wird, kein Wissen, nur Hoffnung. Das ist die Stimme, die sagt: Wie peinlich, über etwas, das so viele betrifft, reden zu müssen, als habe man sich bloß privat ein paar Gedanken gemacht. Und die hofft oder nicht, Verwandlung, Auflösung: weiter.

Die Textstellen sind aus dem Buch von Dietmar Dath: Maschinenwinter, S. 14 und 15 

Dienstag, 29. Mai 2012


tiáo

Zähleinheitswort 

(wie bei "drei Stück Veroneser Brullétorte")

für  

Absätze und Paragrafen

Artikel, die in Stangen verkauft werden

Fische

Flüsse und Straßen

Gedanken, Pläne o.Ä.

streifenförmige Gegenstände

schmale und lange Gegenstände

schmale und lange Kleidungsstücke

kleinere Schiffe

lange und schmale Körperteile

Nachrichten

Schlangen


Sonntag, 27. Mai 2012






Ich betrachtete ein Bild an der Wand, es regte mich auf: eine Tonne auf einem Markt, mit vielen Fröschen darin. Bewegte sich da nicht sogar etwas unten in der Tonne im Bild?

Mittwoch, 23. Mai 2012

Das große Gespräch über die Zukunft (VI)



 

"Maybe it all comes down to the same thing, when viewed from a galactic perspective."
Stephen King - The Tommyknockers, S. 459

Montag, 21. Mai 2012

Ein Blick auf das Glück fleissiger Polizisten


In den Bäumen hängen weisse Trompeten
ansonsten gibt es den Fluss.

Eine Ente lacht.

Die angestiefelten Polizisten
finden
nicht ungeahnt...

ein „durchsichtiges Säckchen feinen Heroins“!

Wo?

Im Inneren des in den See Schauers.

Tastend zur Wahrheit gelangt
glänzt der Tag.

Ein warmes Gefühl nach Sinn fächelt,
es kitzelt der Triumph –

Weisse Trompeten hängen in den Bäumen.

Die Polizisten
im Zustand des Glücks
werden ihnen zum ersten Mal gewahr.

Während sie so hören...

Entwischt der Gemeinte in „brenzliger“ Lage?

Jawohl!

Aus einer ständig wechselnden Baumkrone nun äugt er:

„Denn nicht nur ich, auch die Welt
bietet unerwartete Verstecke
für das in Not geratene Glück.“

Die Polizisten pfeifen froh. (Sie haben vergessen, warum.)

Gegenseitig entstauben sie ihre Uniformen mit einer Bürste
am Rande des heiteren Flusses.

Sie fühlen sich gestärkt wie nach einem kräftigen Mahl.
Es komme, was komme.

Sie lauschen der weissen Trompeten Schall.

Sanft kömmt der Schlaf.

Donnerstag, 17. Mai 2012

Heute neu im UNTERGEHENDEN-SCHIFF-SHOP



Teil 2 der 
Die Käte-Hamburger-Postcard-Collection


je Stück 1,40€

auch erhältlich als:
Doppelkarte ohne Umschlag (1,90€) 
Doppelkarte mit Umschlag (2,30€)
Doppelkarte mit Umschlag und Fleck
auf Doppelkarte und Umschlag (2,55 €)

alle Preise zzgl. Versand, Mengenrabatt nach Absprache

Montag, 14. Mai 2012

Heute neu im UNTERGEHENDEN-SCHIFF-SHOP



 Die Käte-Hamburger-Postcard-Collection


je Stück 1,40€

auch erhältlich als:
Doppelkarte ohne Umschlag (1,90€) 
Doppelkarte mit Umschlag (2,30€)

alle Preise zzgl. Versand, Mengenrabatt nach Absprache

Sonntag, 13. Mai 2012

✿✿✿✿✿✿✿ 13. MAI 2012 ✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿ SIGMAR GABRIEL ERHÄLT DEN WORTSPIEL-AWARD DER DEUTSCHEN WURSTHILFE ✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿✿ HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ✿✿✿✿✿✿✿

Dienstag, 1. Mai 2012

Berlin. Unbekannte Pubertierende haben in der Nacht zum 1. Mai die Fassade von Schloss Bellevue mit Farbschmierereien verschandelt. Die Polizeidirektion 3 bittet um sachdienliche Hinweise unter Tel. 030/4664.


© Foto: Stephan Czuratis

Montag, 30. April 2012

Mancher liest das und findet das blöd. Manchen erinnert das an was. Und mancher von Ihnen kann einfach so was damit anfangen.
(Rainald Goetz, Irre, 245)

Samstag, 28. April 2012

Felix? Felix Leu!

Wo bist du denn?

Samstag, 21. April 2012

HEUTE NACHT IN DORTMUND:
DEUTSCHLANDS GRÖSSTE
FREE-PUSSY-RIOT-AKTION!

Mittwoch, 18. April 2012

Aushang in der Universität

4 Tipps für effizientes Lesen

1. Wenn die Gedanken abschweifen: Lesen Sie schneller.
2. Nie ohne Vorausschau in den Text springen.
3. Ihr Interesse zieht Sie nach vorn.
4. "Chunken" statt Wort-für-Wort-Lesen.

Mittwoch, 11. April 2012

Wenn man sich weit zurückfallen lässt in die Zeit, geht dann die Schönheit der Worte dafür verloren?

Freitag, 6. April 2012

Vereint euch, ihr Kälber
um die Nacht zu vertreiben
die euch umtreibt
in Herden
zersprengt die Fläche
mit Hufgeläut
die trommelnde Wolkenherde
lasst sie ohne Ton
trippelt allein und hört euch
mit euren Kälberohren
und fühlt den Klang der Fläche
und die Gefahr
hinter euch
beim Schatten
der jetzt zieht.

Donnerstag, 5. April 2012

Das philosophische Fenster

Folge 1: Was ist Gesellschaft?

Dienstag, 3. April 2012

Montag, 12. März 2012

Die Seenotrettungsübung am Nachmittag verlief ohne Komplikationen. Alle Passagiere mussten sich mit Schwimmwesten bekleidet in einem bestimmten Abschnitt des Schiffes einfinden. In meiner Gruppe traf ich niemanden, den ich kannte, bis auf die junge Offizierin, die auf dem Sonnendeck die Leute beruhigt und die ich am Abend zuvor im Restaurant „Attikas Licht“ gesehen hatte. Sie führte die Übung mit uns durch, zählte die verschiedenen Alarmsignale auf, erklärte die Funktionsweise unserer Westen und wies uns ein, wie im Falle eines Falles die Evakuierung auf die Rettungsboote vonstatten zu gehen hatte. Die ganze Zeit über quälten mich Einbildungen sexueller Art, ich stellte mir nackte Frauen und Mädchen vor, die lediglich Rettungswesten trugen und hilflos in einem dunklen Meer schwammen, Paare, die in den heruntergelassenen Rettungsbooten miteinander vögelten, Schiffsoffiziere, die sich die weißen Uniformen vom Leib rissen und auf der Kommandobrücke eine Orgie zelebrierten, ich sah mich in einem weiteren Restaurant ängstlich sitzen, das wie ein SM-Studio eingerichtet war, mit Haken zum Aufhängen, Schaukeln und Folterbänken, die mit schwarzem Leder bezogen waren, ich sah riesige Penisse, die aus den Schornsteinen des Schiffes heraus- und wieder hineinfuhren, verschiedene Regen, die auf das Schiff herniedergingen (ein Regen aus Menstruationsblut, ein Regen aus Tränen, ein Regen aus Sperma, ein Regen aus Schweiß), Johnny, der einsam in der Schiffsbibliothek an einem Regal stand und seinen Penis in den Zwischenraum zweier Diktatorenbiografien gesteckt hatte („Leben und Sterben Nicolae Ceaușescus“ von Brian Dippoldis und „Der trostlose General. Argentinien unter Jorge Videla“ von Epefania Cueva Dominguez), die drei Pools auf dem Sonnendeck, in denen sich Menschen räkelten (der erste Pool randvoll mit Menstruationsblut, der zweite Pool randvoll mit Maracujasaft, der dritte Pool randvoll mit Sperma), die Joysticks der Automaten in der Spielhalle, die zu glänzenden Dildos geworden waren (oder mir nur deshalb in den Sinn kamen, weil sie sich eben überhaupt nicht verändert hatten, weil sie schon immer Dildos gewesen waren, worüber aber niemand zu sprechen wagte), liebestolle, umnachtete Wale, die ihre wuchtigen Körper gegen den Schiffsrumpf schlugen, und eine Pokerpartie im Casino, bei der nicht um Plastikchips, sondern um Menschen gespielt wurde. Dann war die Seenotrettungsübung auch schon wieder vorüber, und alle kehrten fröhlich dahin zurück, wo sie hergekommen waren.

Strausberg














'Man weiß allerdings, dass die Fische auch in Seen und Flüsse gelangen können, wenn es keinen direkten oberirdischen Wasserzulauf gibt. Sie sind in der Lage, über das Grundwasser in Seen und Parkteiche zu wandern, und bei nassem Wetter schaffen sie es sogar, längere Strecken über Land zurückzulegen. Auf einer Wiese bei Strausberg fand sich eines Nachts ein Aal im Netz eines Vogelbeobachters, mit dem dieser eigentlich Lerchen fangen wollte. Der Angler am Landwehrkanal allerdings blieb skeptisch. Über ein Wiese, meinte er, kämen die Aale schon, aber heil über die Straße, da hätte er doch seine Zweifel. Wer aber auf einem Fischmarkt einmal einen Aal einem Händler von der Waage springen und anschließend auf dem gepflasterten Boden rasch das Weite suchen sah, wird den Aalen auch in der Stadt so einiges zutrauen.'















Cord Riechelmann - Wilde Tiere in der Großstadt, S. 140

Samstag, 10. März 2012

Steglitz




'Eichelhäher verfolgen oft auch die Tätigkeiten der menschlichen Anwohner sehr genau. Oft zeigen sie - aus bisher nicht geklärten Gründen - eine spezielle Aufmerksamkeit für eine bestimmte Person. Im Garten eines Hinterhauses in der Zimmermannstraße in Steglitz platzierte sich jeden Morgen, wenn der Bewohner des dritten Stocks seinen Computer anschaltete, einer der beiden dort ganzjährig ansässigen Häher auf dem am Balkongeländer befestigten Kräuterkasten. Mit geradem Blick schaute er den Auserwählten an, beugte sich dabei zu Begrüßung nach vorn, als würde er ihm zunicken, und ließ ein kläglich klingendes "aaar-ooor" folgen, um im nächsten Moment einen Büschel Basilikum oder Rosmarin aus dem Kasten zu reißen und davonzufliegen. Nicht immer aber war der Eichelhäher so friedlich gestimmt. Manchmal landete er auch auf dem Balkongeländer und schrie den jungen Mann an seinem Schreibtisch unvermittelt und ziemlich laut an.'


Cord Riechelmann - Wilde Tiere in der Großstadt, S. 80

Dienstag, 6. März 2012

Sul concetto di volto nel figlio di Dio

"Die Zuschauer in Berlin zeigten sich, laut dpa und RBB, über den Fäkaliengeruch und 'die Handlung zwar teils schockiert', hätten schließlich aber kräftig Beifall geklatscht."

Freitag, 2. März 2012

Nachtrag zum Post von Sascha Macht vom Donnerstag, den 17. Februar 2011


Konkurrenz Glocke Konkurrenz

die Tauber der Fluss

ist gefüllt mit Fischen

Ich bin wie du


In Weikersheim

ist das Wasser verborgen,

die Substanzen

drängen sich auf


Nur das Material widersteht

Das Zirpen der Schnecken


Wir sinds

am W,

an den Wänden

Wir sehen uns an


„Der Fremdenverkehr spielt in Weikersheim

überhaupt keine Rolle“ (Der Zeitgeist)


Die Schüchternen siegen


Zeitangabe SCHLAMMKOFFER

MÜLL

Die Straße vergeht sich

an ihrem Leben


2011 am 21. Juli um 18 Uhr 07

Freitag, 24. Februar 2012













Als ich zehn Jahre alt war, war ich mit meinen Eltern in Norwegen und baute eine Sandburg am Strand. Ich trug eine Hose, die meine Knie bedeckte und aus dünnen weißen und breiten dunkelblauen Streifen bestand. Meine Haare waren hinten so lang wie vorn. Ein Mädchen, das älter war als ich, kam herüber, ich hatte sie schon seit längerem versucht zu ignorieren. Sie sah aus, als sei sie von hier, und ich dachte, sie ist Norwegerin. Ich bin hier Tourist. Sie sprach mich an mit einer Sprache, die ich nicht verstand, dann versuchte sie eine andere, von der ich erkannte, dass es Englisch war, aber ich verstand trotzdem nichts von dem, was sie sagte.
Hä?, sagte ich.
Achso!, sagte sie auf Deutsch. Baust du eine Burg?
Ich schaute auf den Boden. Ein grober schwarz-gelber Haufen aus Matsch und Sand reichte mir bis zur Hüfte hinauf. Kleine Stücke Plastikmüll schauten aus dem aufschaufelten Material. Überall ringsherum waren flache Löcher im Boden, die an den Rändern in sich zusammengesackt waren und mit Wasser vollliefen. Wenn ich es so sah, stimmte nichts damit, und es war auch nichts, nur unangenehm, dass jemand mit mir darüber sprach. Ich spürte, dass ich ein Kind war, und jeder das sah. Man sah es schon an der Schaufel, mit der ich grub. Aber dann erinnerte ich mich an die letzten Stunden, in denen ich diese Veränderung des Erdreichs bewirkt hatte, die jetzt zu sehen war, und mir, allein mit meiner kleinen Schaufel und den Gedanken in meinem Kopf, vorgestellt hatte, ich baute eine Burg, und ich nickte. Ein feiner warmer Wind flatterte in meinen Ohren, die ersten Wellen des näherkommenden Meeres waren noch weit draußen in der Bucht. Über unseren Köpfen und Haaren schwebten tausende Möwen mühelos im Wind. Ja, sagte ich. Ich baue noch daran.


Donnerstag, 9. Februar 2012

Das Konzept der Stadtguerilla



Von links nach rechts:
Die Königin des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland und Staatsoberhaupt der Commonwealth-Königreiche Antigua und Barbuda, Australien, Bahamas, Barbados, Belize, Grenada, Jamaika, Kanada, Neuseeland, Papua-Neuguinea, Salomonen, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen und Tuvalu
(mit Zitronen auf der Krawatte),
Elfriede Jelinek,
das Baby des Terrors und
Seine Heiligkeit, der Papst (ohne Bart).

Samstag, 4. Februar 2012

Freitag, 27. Januar 2012

Donnerstag, 12. Januar 2012

Wer sind diese Menschen? (II)














BUT IF

GUATEMALA TEACHES YOU

ANYTHING, IT IS NEVER

TO POETICIZE OR IDEALIZE

REALITY.


Francisco Goldman - The Art of Political Murder

Donnerstag, 5. Januar 2012

The great commercial illustrators and cartoonists - Rockwell, Leyendecker, Raymond, Caniff - were at their zenith, and there was a general impression abroad that, at the drawing board, a man could not only make a good living but alter the very texture and tone of the national mood. In Sammy's closet were stacked dozens of pads of coarse newsprint, tilled with horses, Indians, football heroes, sentient apes, Fokkers, nymphs, moon rockets, buckaroos, Saracens, tropic jungles, grizzlies, studies of the folds in women's clothing, the dents in men's hats, the lights in human irises, clouds in the western sky. His grasp of perspective was tenuous, his knowledge of human anatomy dubious, his line often sketchy - but he was an enterprising thief. He clipped favorite pages and panels out of newspapers and comic books and pasted them into a fat notebook: a thousand different exemplary poses and styles.

- Michael Chabon, The amazing Adventures of Kavalier & Clay

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Samstag, 24. Dezember 2011

Ueber Tiere



Von den Schimpansen wissen wir mittlerweile, dass sie laecheln, wenn sie sich in einem Zustand grosser Angst oder unter starkem Stress befinden. Dieser Umstand ermoeglichte in den achtziger Jahren eine Reihe von Fotografien, die gerne in den Warteraeumen von Arztpraxen oder in Hobbykellern auf Hochglanzpostern ausgestellt wurden. In Baumaerkten und Einrichtungshaeusern konnte man diese Poster kaeuflich erwerben, meist aufgereiht in grossen Mettalstaendern, zwischen fotorealistischen Malereien von schwarzen Pumas im Mondlicht oder sich aufbaeumenden Einhoernern vor violetten Wolkentuermen.
Der Affe grinst, wenn er sich fuerchtet. Der Affe fuerchtet sich, wenn man ihm einen Motorradhelm aufsetzt oder ein Hausfrauenkleid anzieht, wie es ja auf diesen Postern meist der Fall war. Der Affe fuerchtet sich, wenn man versucht, ihn zum Menschen zu machen mithilfe einer Verkleidung. Und seine Reaktion ist es, zu laecheln.



Freitag, 16. Dezember 2011

SPAZIERGÄNGERIN (zur Tür): Wenn die Luft kommt, verschwinden die Vögel.

Montag, 5. Dezember 2011



















"Doch, so dachte sich der Autor angesichts all der vergnügten jungen Menschen: Warum immer so zynisch? Das Simple, Epische im Pop ist seine jugendlichste Qualität, und die Jugend soll ich gefälligst darin suhlen dürfen, solange sie noch kann."

- Johannes von Weizsäcker

Samstag, 12. November 2011

ich sah die freie Hand des unsichtbaren Marktes schalten!
und walten!

ich packte sie und schüttelte sie!

dies kann ich allen empfehlen:

schütteln wir die unsichtbare Hand und!
fliegen wir auf ins Tal!
wo der Markt frei hüpft!

hängen wir unsere Schlötterlinge in die Luft und packen!
packen die Hornochsen und die unsichtbare Hand!

übrigens:
dies ruft ein altes Männlein, sich wehrend!

gegen wen?
gegen die unsichtbare Hand, die ihn schüttelt –

wir hören es gut!
wo geschieht dies?

auf einem Maisfeld!
wann?
es ist ja schon geschehen!
ihr Kabisköpfe!

Längst, längst ist dies geschehen!
längst seid ihr überholt von den!
Schlötterlingen und den Menschen!
ihr verkommenen Halunken Hasenfüsse!
bleibt hinter euren Hecken und helft!
fangt bereits eure losgelassenen Hände ein!
mit dem feinen Spucknetz!
das euch noch bleibt!
wie ihr denkt!

bewohnt von mir aus!
den freien Markt!
wenn ihr ihn findet!
ich finde ihn nicht!
wir finden ihn nicht!
wo ist der freie Markt?
wer seid ihr wo seid ihr?
im freien Markt verschwunden?

nein, da sind wir!
die Geschüttelten!
hier sitzen wir und warten!
im Mais!
was stellt ihr euch vor?
wo sind wir?
nichts stellt ihr euch vor!
ihr Sauhunde Schafseckel Ochsenfüsse!
nicht einmal vorstellen könnt ihr euch!
die Abwesenheit der unsichtbaren Hand!

aber jetzt, jetzt sind wir ruhig!
Wir glauben nichts mehr!
Wir glauben nicht mehr!

wo das Maisfeld ist und wo der freie Markt!
wir wissen nur, dass wir verloren sind!
im Mais des freien Marktes!

hier warten wir!
seit wir nicht mehr glauben!
ist es still!

auch den Schüssen!
Wo seid ihr?
glauben wir nicht!

wir glauben nicht mehr!
dass wir verloren sind!

wo denn?

wir hängen euren Händen!
tausend Schlötterlinge an!
und weitere Schlötterlinge!
an die unsichtbare Hand.

Oh! Die Hand wird schwer und sinkt...

die Schlötterlinge glänzen!
weit herum!

bumm!

Freitag, 11. November 2011

111 Jahre Saint-Exupéry

Gleichungen

A ROSE IS A ROSE IS A SORE
c m landerl




Dienstag, 8. November 2011

Das Große Gespräch über die Zukunft (V)


"Abends sind die Stirnen der Bank, wenig oberhalb ihres Stockwerks, mit Nebel verhängt. Von der Straße gesehen blinken die Fenster der Direktion wässerig, untergehende Schiffe."


Jahrestage, 25. August 1967

Mittwoch, 2. November 2011




Eia, popeia,

was raschelt im Stroh

Es sind die lieben Gänschen,

sie finden keine Ruh'.






Samstag, 22. Oktober 2011

Gedicht über den Zufall der Geburt

Ich kam aus einer Waldstätte.

Es trug mich ein Windstoss aus dem Fenster der Charité.

In Dakar betrat eine schwangere Frau das Spital (Hôpital Principal).

Oder war es doch am Mittelmeer, wo ich der Mutter entwischte.

Es gibt ein Tal, 's heisst: Elendstal,

wer weiss, wer weiss wo.

Und ich ziehe mit dem Wetter und den besten Absichten,

einmal war alles terra continens,

jetzt hab ich längst mehr als drei Staaten durchschritten,

oha!,

wer weiss, wer weiss wo

und die Vögel,

sie sind doch meist unterwegs.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Es dauerte noch vier Jahre, bis Henny, der Cousin von Thomas und meinem Vater, Martha Linn Schoke kennenlernte und sie sich dann verliebten. Jetzt war das Jahr 1957. Er war einundzwanzig Jahre alt und ging in die Feinkostabteilung des Karstadt in Frankfurt am Main. Gut zehn Jahre danach würde dieses Kaufhaus verbrennen. Henny ging zu dem Obststand, der dort unter einem Dach aus Stroh aufgebaut war. Es wurden hier neben Orangen, Bananen (Gros Michel, damals noch, ganze Stauden), Sharonfrüchten und Papayas vor allem Kiwis als Delikatesse angeboten. „Ich möchte diese Kiwis kaufen, alle“, sagte Henny zu dem Verkäufer, „aber ich missbillige, dass Sie sie mir verkaufen.“ Der Verkäufer stand unter dem Dach aus Stroh, in seiner gestreiften Schürze und sah Henny an. „Verstehen Sie mich?“ fragte Henny. In seiner Hand trug er ein Paket mit Spielsachen: Raketen, Panzerfahrzeuge, kleine Soldaten mit winzigen, giftfarbenen Gewehren, wenn es damals schon so etwas gab. Im Augenwinkel eines der Soldaten, einem Sniper, den man sich liegend vorstellen muss, war mit Kunstharz eine kleine, blaue Träne angefügt. Der Verkäufer, ein Mann, Mitte 50, ihm fehlten keine Finger, er war nicht im Krieg gewesen, aber seine Frau ist als Sanitäterin auf der Krim getötet worden (ihr letzter Gedanke, bevor sie starb, warum kommt ihr der Nebel über den Wiesen, auf welche sie durch einen Spalt in der Zeltplane schaute, wie das Meer vor, warum aber waren dann die Vögel nicht wie Fische?), der Verkäufer schüttelte den Kopf und drehte sich halb nach hinten um. Er entschied sich offenbar für etwas und begann die Kiwis mit beiden Händen in eine hölzerne Bananenkiste zu häufen. Dann hielt er inne und schaute auf die halbvolle Kiste. „Wollen Sie wirklich alle?“ fragte er. „Ich möchte, dass Sie den Verkauf dieser Früchte beenden, bitte.“ Der Verkäufer schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er. „Sie müssen hier ja nichts kaufen.“ „Die Kiwis schmecken mir aber sehr gut.“ Henny nickte, er schaute sich alles an, er war nervös und aufgeregt, aber man konnte es ihm glauben. „Deshalb will ich sie ja haben, weil es sie eben gibt.“ „Ja, sie sind sehr gut“, sagte der Verkäufer über die Kiwis. Er mochte sie selbst sehr gerne. Ein neuer Kunde kam hinzu (Schiebermütze wahrscheinlich, Kohle im Gesicht, aber die Delikatessen aus der Feinkostabteilung kaufte er für sich selber ein). „Das ist nicht Ihre Schuld“, sagte Henny. „Und ich weiß, Sie sind nicht der Inhaber dieses Geschäfts. Ich weiß, Sie sind nur angestellt?“ Der Verkäufer war ein ruhiger, lieber Mann. Er stritt nicht mit Henny, der das auch gar nicht von ihm wollte; er wollte ja nur, dass der Verkäufer aufhörte, hier diese Kiwis zu verkaufen. Stattdessen begann der Verkäufer den neuen Kunden zu bedienen. Henny wartete, bis er damit fertig war. „Entschuldigung“, sagte er dann etwas schüchtern. Der Verkäufer hob die Augenbrauen. Er dachte an seine Wohnung und dass er ein wenig müde war und an das Licht im Flur (eine Gaslampe). „Sie schmecken mir gar nicht“, sagte Henny, „die Kiwis.“ Der Verkäufer wartete. „Nicht?“ fragte er. „Nein.“ Henny wartete ab, aber seine Wort hatten nicht ins Schwarze getroffen, das war klar. „Aber das ist auch egal“, sagte er dann und erklärte sich weiter, weil er eben merkte, wie sehr das nötig war. „Ich bin ja nicht verantwortlich dafür, ob ich das, was ich kaufe oder nicht, mag oder nicht, oder was sonst ein Grund ist, sie zu kaufen oder nicht, oder ohne Grund, mein eigener Grund, dass sie mir schmecken oder nicht, oder ob ich sie kaufe oder nicht, dass ich es ablehne, dass sie verkauft werden oder nicht, ob auch das für mich ein Grund ist, sie zu kaufen oder nicht, das ändert an der Sache nichts.“ Er wartete ab, kaum Ungeduld in der Stimme, als er weitersprach. „An der Sache. Die Sache. Hier zum Beispiel, diese Sachen... Diese Früchte. Ich möchte“, sagte er, „das Sie wissen, dass Sie eine Verantwortung dafür tragen. Es nützt nichts, zu sagen, Sie sind hier nur angestellt. Es nützt nichts, zu sagen, dass Sie nur verkaufen, was man Ihnen sagt, weil die Kunden es wollen und weil die Inhaber das von Ihnen wollen. Nein, Sie sind ja... Und, bitte...“ Der Verkäufer sah ihn wieder an, das hatte er zwischendurch nicht getan. Vielleicht hatte er zugehört. Vielleicht hatte er nicht zugehört. Vielleicht hatte er, beim Zuhören oder nicht, an seine Wohnung gedacht und dass er müde war, etwas nur, etwas müde, nicht zu sehr, und an das Licht im Flur (die Lampe, die mit Gas betrieben wurde, gegen das er ein Streichholz hielt, am Abend). Oder nicht. „Ich bin nicht verantwortlich für das alles hier“, sagte Henny und zeigte mit dem Paket in der Hand auf die Ladenfläche ringsum und auch nach oben und unten, in Richtung der Stockwerke, die man nicht sah. „Wie sehr ich auch etwas kaufe oder nicht.“ Das alles würde also, gut zehn Jahre danach, verbrennen. Und trotzdem würde er noch in den 70er Jahren hier stehen und Anfang 1982 und dem Verkäufer alles erklären, dem Verkäufer, der unter dem Strohdach dastand, mit seiner gestreiften Schürze, mit seiner karierten Schürze, unter dem Strohdach, unter dem Dach aus Sparren, dem Dach aus Plastikpalmenwedeln, und ihn bitten, es zu beenden, weil das hier tatsächlich der Ort wäre, um es zu beenden, die Sache also, die Kiwi, den Verkauf. Nicht in China, nicht in Neuseeland, nicht in Europa oder Nordamerika, sondern hier in der Feinkostabteilung des Karstadt in Frankfurt am Main. Aber nicht da, wo Henny war, vor dem Stand, nein, dahinter, wo der Verkäufer war, dem er es erklärte, musste es beendet werden. Beenden Sie es, rief er ihm zu, er flüsterte es nur, schüchtern, selbstbewusst, eine eigenartige Mischung, aus der noch alles werden konnte. (Ich kann kaufen, was ich will, ich kann nicht kaufen, was ich will, ich kann es nicht beenden, ich kann sogar Waffen kaufen, ich bin nicht verantwortlich dafür! Es ist nicht meine Schuld. Aber es schmerzt mich so.) Er hatte noch Zeit, sein Leben zu beginnen, Zeit, Martha Linn Schoke zu begegnen, sie kennenzulernen. Sie saß im Garten, am Tisch neben meinem Vater, eine Freundin meiner Mutter. Sie begannen sich gleich über alles zu unterhalten, so schnell sie konnten, ohne Mühe, ohne eine äußere Belastung. Sie spürten nur einander und was sie dafür brauchten. Sie heirateten. 1982 dann, ging Henny hin und wies sich selber in eine psychiatrische Klinik ein. Er war nicht mit den Autoritäten Konflikt gekommen, es hatte ihn niemand dazu gezwungen, es war zu spät. Nicht für ihn, nicht für die Sache, er war ja noch bei Verstand, und es war noch immer nicht beendet worden. Aber er hatte etwas sehr Wichtiges begriffen: Zwar hatte er es zu jeder Zeit erklären können, all die Jahre zwischen 1957 und 1982, und hatte auch wirklich immer gewusst, wovon er sprach (er hatte recherchiert), und dass es falsch war, was hier getan, verkauft wurde, diese Früchte, Sachen - das war 1957 falsch gewesen und war es auch 1982. Aber 1982 war es zu spät geworden, zu spät, um es zu erklären. Er konnte es niemandem mehr erklären. Es war insgesamt für Erklärungen zu spät geworden. Das hatte er verstanden. Was er 1982 erklärte, führte dazu, dass der, dem er es erklärte, ihm sein Ohr verschloss. 1957 schaute er den Verkäufer an, er sprach zu ihm. Der Verkäufer schaute zurück. Vielleicht hatte er verstanden.


Henny starb dann nicht 1982 in der Klinik, wo ihn mein Vater und Thomas noch gemeinsam besuchten (ich stelle mir eine seltsame schiefe Terasse vor, eine abschüssige Betonplattform über einem dunklen, kleinen Bach und dass sie dort zusammen waren), sondern fünf Jahre später im bürgerlichen Leben (da hatte sich Martha Linn neu verheiratet und war schon in Brasilien), durch eine Karambolage. Es ist nicht seine Schuld gewesen.