Freitag, 9. November 2012


Ich sehe das graue Jackett des Schriftstellers Pierluigi Montalbán, und ich sehe, wie die langen Finger des Schriftstellers Pierluigi Montalbán einen weißen Fussel vom Stoff des grauen Jacketts zupfen. Das Theater „Abyssus“ ist zur Hälfte mit Passagieren gefüllt, die nach vorn zur Bühne blicken, wo der Schriftsteller Pierluigi Montalbán auf einem Hocker aus der Bar „Herrlichkeit der imperialen Landschaft“ sitzt, mit aufgeschlagenem Buch auf dem Schoß, und zurück ins Publikum schaut mit einem Ausdruck im Gesicht, als würde er die Welt nicht mehr verstehen. Ein Mitarbeiter der Reederei „Hargenau & Robertson“ erhebt sich von seinem Sitz in der ersten Reihe und spricht zu den Gästen, ich sehe ihn und seinen Mund von der Loge aus, wie er auf und zu und auf und zu geht. Dann setzt er sich wieder, die Leute applaudieren, der Schriftsteller Pierluigi Montalbán holt tief Luft und beginnt aus seinem Roman „Das Stellwerk“ zu lesen. Seine Stimme heult wie ein Sturm. Der Schriftsteller Pierluigi Montalbán liest einen komplizierten Abschnitt, der weder gut ausgearbeitete Figuren noch Naturbeschreibungen noch humorvolle Anekdoten enthält, ein einziger quälender Satz, der die Demokratie verteufelt, der westlichen Zivilisation mit dem Untergang droht, den Präsidenten und Ministern aller Republiken auf der Welt eine tödliche Krankheit wünscht, minutiös die optimale Hinrichtung von zwanzig Beamten erklärt, den Bau einer großen Fabrik beschreibt, die es ermöglicht, alle Bewohner der führenden Industrienationen zu Rotwurst zu verarbeiten, die Umgestaltung der Parlamente zu Elefantenhäusern oder Bordellen anregt und den gleichzeitigen Abschuss ausnahmslos aller Atomraketen fordert, um den Mond zu zerstören. Der Schriftsteller Pierluigi Montalbán klappt das Buch zu, hebt den Kopf und blinzelt in das Licht der Scheinwerfer hinein, kneift die Augen zusammen, als suche er jemandem in der Dunkelheit des Theaters, schwitzt und atmet schwer dabei. Das Publikum ist verärgert, einige Leute sind bereits gegangen, andere sind auf Krawall aus und fangen an, herumzuschreien. Der Schriftsteller Pierluigi Montalbán scheint kein Mensch zu sein, dem Abneigung nichts ausmacht. Er rutscht vom Hocker, hebt die Hände und will sich erklären, beendet aber seine Sätze nicht, verhaspelt sich und erzählt irgendetwas, das niemand versteht. Die Leute kochen und schlucken ihren Ärger hinunter, aber nur unter Vorbehalt, denn beim kleinsten Fehltritt dieses verrückten Schreiberlings werde man noch schlimmer als zuvor schimpfen und den ganzen Saal auseinandernehmen, ruft ein alter Mann und droht mit dem Zeigefinger. Der Schriftsteller Pierluigi Montalbán streckt den Rücken durch, greift sich mit der rechten Hand in den linken Ärmel seines grauen Jacketts und zieht den Zipfel eines blauen Tuchs hervor, zieht und zieht, das Tuch ist lang, sehr, sehr lang, und entfaltet sich wie ein Segel, in das der Wind hineinbläst, die ersten Leute klatschen und rufen „Bravo!“, der Schriftsteller Pierluigi Montalbán rupft immer schneller und schneller das Tuch aus seinem Jackett, die Leute im Parkett springen auf und greifen sich an die Köpfe, das Tuch bedeckt jetzt schon die gesamte Bühne, wirft Falten, bauscht sich auf, wogt über den Boden und schließlich verschwindet auch der Schriftsteller Pierluigi Montalbán darunter, die Leute schreien und trampeln, da blenden Scheinwerfer auf und erhellen den ganzen Saal, dass es in den Augen schmerzt, alles ist auf einen Schlag still, die Umrisse des Schriftstellers Pierluigi Montalbán stürzen in sich zusammen, die Wellen des Tuchs glätten sich, ruhig liegt es nun da, nichts befindet sich mehr darunter, die Leute klatschen und pfeifen und gehen hinaus, ich folge ihnen, wir schwanken vergnügt.       

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Meine Drehpausenbegegnung mit Dudikoff



Michael Dudikoff hatte sich eine Selleriestange vom Buffet genommen. Er wirkte etwas einsam und verlassen, wie er da herumstand. Also ging ich auf ihn zu und begrüßte ihn und fragte, wie es ihm gehe.
Gut, sagte Michael Dudikoff, es geht mir wieder sehr gut. Ich habe inzwischen wieder zu einer großen Fröhlichkeit zurückgefunden, nach dem ich ja eine lange Krise hatte.
Was war denn?, fragte ich.
Ach, ich hatte wirklich keine gute Zeit, sagte er. Die letzten zwei Jahrzehnte bin ich wirklich durch ein tiefes Tal gegangen. Aber ich möchte Sie nicht mit meinem Kram belasten. Das ist wirklich nicht so wichtig.
Nein, sagte ich, Quatsch, tun Sie ja nicht. Was war denn los?
1989, sagte er, 1989 habe ich doch diesen Film gedreht, ‚River of death – Fluss des Grauens’.
Er sah mich an und machte eine lange Pause.
Keine Ahnung, sagte ich, kann sein, bestimmt habe ich ihn gesehen, ich kann mir nur die Namen von Filmen immer nie merken.
Macht ja nichts, sagte er, jedenfalls haben wir den in Südamerika gedreht. Es gibt da diese Szene wo ich nachts im Dschungel durch den Fluss schwimme und wate.
Michael Dudikoff machte eine Pause und sah mich fragend an.
Ich weiß das jetzt nicht mehr so genau, sagte ich, ich habe den Film wahrscheinlich damals gesehen, das ist ja schon lange her.
Ja, ist lange her, sagte Michael Dudikoff, ist lange her. Also jedenfalls haben wir diese Szene mehrmals drehen müssen, weil es Probleme mit der Beleuchtung gab. Ich musste da immer wieder durch diesen Fluss waten und schwimmen, mitten im nächtlichen Dschungel, und dabei muss ein kleiner Wurm in meinen Hintern eingedrungen sein, ein Parasit. Ich habe das bei dem Dreh selbst nicht gemerkt. Aber wenige Tage nach dem Dreh der Szene habe ich beim Kacken plötzlich festgestellt, dass mein Stuhl bläulich verfärbt war. Ich meine, ich hatte gar keine Beschwerden oder so, aber man erschrickt natürlich, wenn das auf einmal blau ist.
Das glaube ich, sagte ich.
Naja, sagte Michael Dudikoff, natürlich bin ich gleich zum Arzt. Der hat mich untersucht und geröntgt, hat dann aber ziemlich schnell festgestellt, dass ich eben diesen bestimmten Wurm im Darmtrakt habe. Er hat mir erklärt, dass er sich da eben an die Darmwand angedockt habe und da als Parasit nun lebe. Ich habe den Arzt natürlich gefragt, was man dagegen machen könne, und der Arzt hat mir gesagt, dass man nichts dagegen machen könne, allerdings sei das auch nicht weiter schlimm, schließlich habe man selbst keine Beschwerden, lediglich der Stuhl verfärbe sich eben bläulich, was ja aber nicht schlimm sei. Außerdem sei es sowieso so, dass der Wurm mit der Stelle im Darm irgendwann verwachsen würde zu einem Organismus, der Wurm und ich nach und nach also gewissermaßen ineinander aufgehen würden, womit sich das Problem ja dann sowieso löse. Ich war ziemlich geschockt, muss ich sagen. Ich habe das zwar erstmal so weggesteckt, aber auf Dauer hat mich das wirklich fertig gemacht. Ich bin einfach nicht auf den Gedanken klargekommen. Ich habe gedacht, ich muss doch der bleiben, der ich bin, ich bin doch Michael Dudikoff, das kann doch nicht sein, dass ich mit so einem Wurm zusammenwachse. Ich will Ihnen das im Detail ersparen, auf jeden Fall habe ich eine ziemliche Identitätskrise bekommen, Depressionen auch, das ging in den Neunzigern los und ging bis vor zwei Jahren, eine wirklich schwere Zeit. Ich habe auch keine Rollen mehr bekommen aufgrund der Depressionen. Aber als ich wirklich nicht mehr weiter wusste, ist mir dann klargeworden, dass das auch nur ein bestimmtes Konzept ist, diese Individualität, die immer auf Ausgrenzung angelegt ist, und dass ich das einfach nur mal anders denken muss. Als mir das klar wurde, war es auf einmal gar nicht mehr schlimm, dass der Wurm und ich jetzt eben zusammen einen Organismus bilden, ich habe gelernt, mich selbst offener zu denken, nicht immer so abgegrenzt zu meiner Umwelt. Warum auch nicht? Naja, und seitdem bin ich wieder sehr fröhlich und lebenslustig.
Die Pausenglocke schellte.
Oh, sagte ich, entschuldigen Sie, Herr Dudikoff, jetzt ist die Pause schon rum und ich habe Sie durch meine Fragerei vom Essen abgehalten.
Ach, macht nichts, sagte Michael Dudikoff, dann nehme ich es halt mit und esse es später, ist ja kein Problem.
Er wickelte die Selleriestange in eine Serviette und steckte sie in seine Jackentasche.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Über die Obsternte 1872 in Grevenbroich (zu Gast von Michael Duszat)



Der strenge Winter des Jahres 1871 richtete an den Obstbäumen in Deutschland großen Schaden an. Heft 4 des Jahrgangs 1873 der Illustrierten Monatshefte für Obst- und Weinbau, dem Organ des Deutschen Pomologen-Vereins, druckte einen Brief an die Redaktion ab, der eine Liste der Apfel- und Birnensorten enthielt, die im Jahr 1872 in Grevenbroich Früchte getragen hatten:

Äpfel
Süßer Honigapfel trägt stark, wahrscheinlich Pomeranzenapfel,
                          prachtvoller Baum.
Pfirsichroter Sommerapfel trägt sehr stark, ist wohl der 
          empfehlenswerteste Frühapfel.
Winter-Goldparmäne trägt sehr stark, hat sich hier am allerbesten 
           bewährt.
Weißer Sommerrabau trägt stark, ungemein ergiebige Sorte.
Sophiens süßer Rosenapfel trägt sehr stark, gut zum Krautpressen.
Manks Kodlin trägt sehr stark, beste Sorte zum Dörren.
Köstlicher von Kew trägt stark, bleibt gewöhnlich zu klein.
Danziger Kantapfel trägt sehr stark.
Ananas-Renette trägt ziemlich stark.
Gestreifter Sommer-Zimtapfel trägt ziemlich stark.
Multhaupts Renette trägt stark, wird nicht leicht vom Wind 
           abgeworfen.
Alantapfel trägt ziemlich stark.
Ribston Pepping trägt stark, welkt auf dem Lager leicht.
Winter-Zitronenapfel trägt ziemlich stark.
Königlicher Kurzstiel trägt stark, welkt zu leicht.
Rote Sternrenette trägt stark, gesunder, in der Blüte nicht 
           empfindlicher Baum.
Schicks Johannisapfel trägt stark.
Himbeerapfel trägt stark.
Graue französische Renette trägt stark.
Früher Nonpareil trägt stark, fällt leicht ab und fault gern.
Grafensteiner trägt ziemlich stark.
Spitalrenette trägt stark.
Goldrenette von Blenheim trägt stark.
Bedfordshire Foundling trägt ziemlich stark.
Cornwalliser Nelkenapfel trägt ziemlich stark.
Großer Bohnapfel trägt stark.
Kaiser Alexander trägt stark.
Jakobsapfel trägt sehr stark, empfehlenswerter Frühapfel.
Parkers Pepping trägt ziemlich stark.

Birnen
Colmar Francois trägt stark, bleibt oft laff.
Blumenbachs Butterbirne trägt ziemlich stark.
Beurré d’Argenson trägt stark, empfehlenswerte, oft recht große 
           frühe Sorte.
Diels Butterbirne trägt ziemlich stark.
Volksmarser trägt stark.
Forellenbirne trägt ziemlich stark.
Capiaumont trägt stark.
Boscs Flaschenbirne trägt ziemlich stark.
Amanlis Butterbirne trägt sehr stark, etwas herb, gut zum Dörren.
Grüner Hoyerswerder trägt stark.
Duchesse d’Angoulême trägt ziemlich stark.
Nadelbirne, wohl Lokalsorte, trägt sehr stark, kleine bergamottartige 
           Frühbirne, trägt jährlich sehr reich, vergeht aber schnell.
Seckels Birne trägt ziemlich stark, sehr fein.

Samstag, 29. September 2012

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Freitag, 28. September 2012

Freitag, 21. September 2012

Das kalte Jahr (Vorgriff)





"Die leuchtende Sonne war erloschen, und die Sterne wanderten, sich verdunkelnd, im unendlichen Raume, ohne Strahlen, ohne Pfad, und die eisige Erde raste blind und dunkel durch die mondlose Luft; der Morgen kam und verging - und kam erneut, es wollte Tag nicht werden, und die Menschen vergaßen in all ihrer Not ihre Leidenschaften in all dieser Trostlosigkeit."

Lord Byron - Darkness




"Wilde Streiks an sechs verschiedenen Orten. Von uns [d.h. der organisierten, studentischen, kleinbürgerlichen Apo] keine Spur. Die Zeit wird kommen, wo man uns fragen wird: Wo warst Du, Adam? Und das beste, was wir dann sagen können, ist, wir haben gegen uns gekämpft, um das reißende Tier, das wir von Geburt an sind, zu fesseln und von der Macht fernzuhalten, alles zu zerstören."

Bernward Vesper - Die Reise




"And the Weathermen shrug their shoulders."

The Ex & Tom Cora 





Dienstag, 4. September 2012

Unser Scheitern an Deutschland




Donaukurier Nr. 204, Dienstag, 4. September 2012:


"IN KÜRZE:

Marsch nach Berlin
Die Protestcamps von Flüchtlingen in mehreren bayerischen Städten werden im Laufe dieser Woche offenbar alle aufgelöst. Am Samstag startet in Würzburg ein Protestmarsch nach Berlin. Die Flüchtlinge aus Passau, Regensburg, Aub bei Würzburg, Nürnberg, Bamberg und Würzburg schließen ihre Camps für die Teilnahme am Protestzug."

Samstag, 1. September 2012

In einem Land






"Es gehört Mut dazu, in einem Land zu leben, in dem man sich fremd fühlt, in dem eine Sprache gesprochen wird, die man nicht versteht, einem Land mit unbekannten Regeln und Bräuchen, in dem man nicht weiß, wen man um Hilfe bitten kann. Und es braucht noch viel mehr Mut, den Entschluss zu fassen, die Sprache dieses Landes zu lernen und mit den Menschen zu sprechen."
Dietrich Wersich

Gedanken an den Marsch auf Berlin - das ist jetzt schon zwei Jahre her!

"Schon Ende August, auf der Fahrt von Süden hoch, waren wir plötzlich eines Morgens in Nebel eingehüllt aufgewacht, fröstelnd in den Schlafsäcken zwischen Auto und Maisfeld. Im Freien konnte man auch bei gutem Wetter jetzt nicht mehr schlafen. Die Zeitungen rochen anders. Alles war beschlagen in der Frühe, taub. Offensichtlich war jetzt Schluß mit irgendwelchen Provisorien. Bringen sie die neue Ordnung in das Leben, lautete der Zeitbefehl, und wir mühten uns entsprechend."

Rainald Goetz Kontrolliert Seite 64

Mittwoch, 29. August 2012


Im Januar 2012 hörte mein Arschloch einfach auf, richtig zu schließen.

Freitag, 17. August 2012

Seine Straße und ihr Kapital





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Montag, 13. August 2012


Thilo Sarrazin
Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet

1. Betritt ein Schauspieler die Bühne, so hört er auf, sich selbst zu spielen, sondern spielt noch mal jemand anderes, was aber nur ein gradueller Unterschied ist.

2. Wer auf der Bühne jemanden schlägt, schlägt wirklich jemanden.
Es sei denn, er tut nur so und haut in die Luft, so dass es nur so aussieht. Aber dann schlägt er ja niemanden, und das ist ja nicht gemeint. Also gilt weiterhin: Wer auf der Bühne jemanden schlägt, schlägt wirklich jemanden.
Und das ist nicht gut.

3. Auf der Bühne kann nach Belieben Blut und/oder Sperma verspritzt werden, allerdings putzt derjenige, der die Sauerei veranstaltet hat, diese danach auch auf.

4. Zerstört ein Schauspieler im Spiel auf der Bühne einen Gegenstand, so ist es nicht die Aufgabe der Bühnenarbeiter, diesen bis zur nächsten Vorstellung zu reparieren, sondern seine eigene oder die des Regisseurs. Falls das Reparieren des Gegenstandes zu viel Arbeit macht, kann auch ein neuer gekauft werden.

5. Verliebt sich ein Schauspieler während der Proben oder bei der Aufführung in sein Gegenüber, das gerade auch eine Rolle spielt, so tut das den Gefühlen keinen Abbruch.

6. Wenn ein Stuhl auf einer Bühne steht, dem man die Lehne abgesägt hat, so stellt er einen Hocker dar.

7. Tiere und Pflanzen müssen auf der Bühne mit Respekt behandelt werden, auch wenn das Stück noch gar nicht angefangen hat.

8. Figuren mit Migrationshintergrund werden wie alle anderen von Schauspielern gespielt.

9. Ein Feuer auf einer Bühne benötigt unter anderem Sauerstoff.

10. Die Bühne endet dort, wo sie für beendet erklärt wird.

Donnerstag, 28. Juni 2012












Kleine schwarze Maschine, ich kann dich hören. Kleine schwarze Maschine kann ich dich hören? Kleine Maschine. Schwarz ist deine Farbe. Kann ich dich hören, ich kann etwas hören, ich kann etwas hören. Kleine Maschine, deine Farbe. Groß bist du in meinem Ohr, schwarze Maschine, groß bist du in meinem Ohr. Kleiner Mensch in der Unendlichkeit, Grün, Schimmernis, Wasser, Dunkelheit überall, Dunkelheit wird kommen. Kleine Maschine, wird kommen, schwarz ist deine Farbe, schwarz ist deine Farbe. Dunkelheit überall. Dein Name. Hier bin ich jetzt, ich bin jetzt hier, ich bin Hannes, hier bin ich. Kann ich dich hören, etwas, ja. Ja? Etwas, ja. Ja.


Ja.

Little black machine, I can hear you. Little black machine, can I hear you? Little machine. Black is your color. Can I hear you, something I hear, something I hear. Little machine, your color. Vast you are in my ear, black machine, vast you are in my ear. Little man in infinity, green, shimmerness, water, darkness everywhere, darkness will come. Little machine, will come, black is you color, black is your color. Darkness everywhere. Your name, your brother. Here I am now, I am now here, I am Hannes, here I am.  Can I hear you, something, yes. Yes? Something, yes. Yes.

Yes.


Freitag, 22. Juni 2012

Ursprung des Theaters der Nacht


Ein fahrender Scholare begegnet am Strand des Westsees, als er die sommerliche Lotuspracht bewundert, der weissen Schlange in Gestalt eines hübschen Mädchens und ihrer hässlichen Dienerin, der schwarzen Schlange. Bezaubert durch ihren Gesang und Liebreiz ehelichte er das hübsche Mädchen. Als sie eines Tages miteinander Schwefelblütenwein trinken, bewirkt der Trunk die Verwandlung in ihre wahre Schlangengestalt. Der Gatte flüchtet vor ihr in einen Tempel. Die liebestolle Dämonin verfolgt ihren Gatten, wird aber von einem zauberkundigen Priester in ein Schlänglein gebannt, das er in seine Almosenschale einschließt und in einer Pagode festhält. Hierher kommt eines Nachts der Gatte geschlichen. Er hat sich unter einem Vorwand die Schlüssel beschafft. Er hebt den Deckel von der Almosenschale des Magiers, ergreift die gefangene, kleine Schlange und schluckt sie hinunter. Zurück in seinem Haus ruft der Mann die Dienerin seiner Frau. Niemand antwortet auf sein Rufen, und als der verzweifelte Ehemann aus seinem Schlafgemach in die Eingangshalle des Hauses stürzt, ist dort alles dunkel, und alle Zimmer im Haus sind leer und verlassen.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Monolog des Quittenbaums


Ich bin die einzige Pflanzenart der Gattung Cydonia und gehöre zur Untertribus der Kernobstgewächse (Pyrinae) innerhalb der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Meine Blüten stehen einzeln an den Spitzen beblätterter Zweige. Ich bin, wie man auch sehen kann, ein laubabwerfender Strauch oder kleiner Baum, der Wuchshöhen von 4 bis 8 Meter erreicht. Mein behaarter Blütenstiel ist nur etwa 5 mm lang. Und die zwittrige, radiärsymmetrische, fünfzählige Blüte weist einen Durchmesser von 4 bis 5 cm auf mit doppelter Blütenhülle (Perianth). Die fünf auf beiden Seiten behaarten Kelchblätter sind zurückgebogen und 5 bis 6 mm lang, mit glattem Rand. Die fünf freien, weißen oder rosafarbenen Kronblätter hier sind verkehrt-eiförmig und etwa 1,8 cm lang. Und diese fünf unterständigen Fruchtblätter enthalten jeweils viele Samenanlagen. Die fünf freien Griffel sind an ihrer Basis flaumig behaart und fast so lang wie die Staubblätter. Ich blühe nur in einem kurzen Zeitraum im Mai und Juni. Da ich selbstfruchtbar bin, wird kein zweiter Baum zur Bestäubung benötigt, was eigentlich sehr praktisch ist, aber es wurde mir doch immer zum Problem, dass ich weder Mann noch Frau bin, sondern sowohl als auch. Gerade in der Schulzeit wusste ich damit nicht umzugehen. Als ich Geschlechtsreife erlangte, wie man so sagt, wurde mir bewusst, dass ich anders bin als die anderen. Also habe ich versucht, mich so anzuziehen, dass die anderen nicht sehen, dass ich zwittrige Blüten habe, also vor allem auch im Frühling und Sommer, wenn es so warm war, habe ich trotzdem immer ganz lange Sachen getragen, um meinen Körper möglichst zu verbergen. Nach dem Sportunterricht habe ich immer darauf geachtet, dass ich mich so umgezogen habe, dass niemand meine Blüten gesehen hat. Und ich bin deshalb auch nicht mit den anderen Duschen gegangen, das ging nicht, ich habe mich so geschämt dafür, wie ich bin. Natürlich haben die anderen schnell gemerkt, dass mit mir was nicht stimmt, was dazu geführt hat, dass ich sozial immer mehr isoliert wurde. Und es war ja auch so, dass ich auch sonst ein wenig anders aussah, weshalb schnell über mich herumerzählt wurde, dass ich eine schwule Schwuchtel sei, was mit der Zeit, so ab der neunten Klasse, dazu führte, dass mich eigentlich alle mieden, niemand mehr etwas mit mir zu tun haben wollte. Ich verbrachte die Pausen immer alleine, langweilte mich furchtbar und war sehr einsam, aber ich war schon froh, wenn ich von den anderen nicht noch geärgert wurde. Ich wurde durch die Isolation aber immer bedrückter, im Nachhinein würde ich sagen: richtiggehend depressiv. Meine Leistungen nahmen immer mehr ab, ich wurde immer schlechter in der Schule und meine Blätter welkten zum Teil schon im Frühsommer. Das mag jetzt irgendwie komisch klingen, aber für mich war das alles andere als komisch, für mich war es die Hölle. Irgendwann ging es nicht mehr, es ging so einfach nicht weiter, und obwohl niemand so recht verstand, wieso, und mir eigentlich meine Familie auch riet, die Schule unbedingt bis zum Abitur durchzuziehen, brach ich sie ab, an einem gewissen Punkt ging es einfach nicht mehr weiter.
Ich bin dann erstmal in ein tiefes, tiefes Loch gefallen. Knapp ein Jahr hing ich nur zuhause rum, völlig lethargisch und bin praktisch nicht vor die Tür gegangen. Ich habe es wirklich meinem näheren Umfeld zu verdanken, die zu mir gehalten haben und mich ermutigt haben, etwas anderes anzufangen, und mich nicht einfach hängen zu lassen. Nach einem Jahr habe ich mich aufgerafft, in der Nähe im landwirtschaftlichen Bereich ein Praktikum zu absolvieren, was auch zunächst ganz gut war, es hat mir ein wenig mehr Selbstbewusstsein verschafft, aber richtig aufgeblüht bin ich erst, als ich hierherkam, wo einfach das Klima viel offener ist. Das heißt nicht, dass ich nicht immer noch Probleme habe, ich treffe immer wieder auf den einen oder anderen, die damit nicht klar kommen, wie ich bin,  aber alles in allem kann ich inzwischen gut damit leben.

Sonntag, 17. Juni 2012

Jibbe Willems

(* 1977 in Arnheim) absolvierte 2003 ein Studium der Theaterregie in Maastricht. In seinen Stücken untersucht er die Schönheit des Scheiterns, die zerfransten Säume der Sprache und den unerreichbaren Zustand der Erhabenheit, in dem sich Leid und Glückseligkeit so nahe kommen, dass sie sich im Trost aufheben.