Sonntag, 10. März 2013
Samstag, 9. März 2013
Denkt a –
Denkt an das Meer!
Im Jahr 1513 wird Appenzell –
Denkt an das Mee –
Im Jahr 1513 kam es zu prägen –
Aber denkt an da –
Einigu –
So wie es Adalbert Spichtig,
Dichter, Bauherr und Vorsitzender der Innerhoder Reedereiwirtschaftsordnung,
aber auch Gesandter im Jahr 1513 –
Im Jahr 1513 humpelte Adalbert
Spichtig Richtung –
In Richtung der gemeinen Orte
In Richtung Bern
In Richtung ZZZürich
In Richtung grossen Stoß
In Richtung Bockshorn
In Richtung Hut
In Richtung
springende Punkte
Oh, sie sprangen!
Aber in Gedanken ging er durch
das Meer.
Schwer gingen seine Beine.
Man sah ihn
so langsam gehen
wie nie zuvor.
Er ging
den Antrag fest unter dem Arm
durch das Tethysmeer.
Er setzte einen Fuss vor den
anderen im Tethysmeer.
Die Wasserdichte machte ihm zu
schaffen.
Er kam nur langsam vorwärts.
Er drängte sich nicht vor.
...
Schwere Fische kamen ihm
entgegen.
Es dünkte ihn, es wären immer
dieselben.
Waren es immer dieselben?
Überall Dasselbe –
Stunden im Meer
Im Meer gehend im Tethysmeer
stundenlang gehend
den gemeinen Orten zu
stundenlang gehend
fürchtete er sich
sich verirrt zu haben.
Im Innern
man sah es ihm nicht an
fühlte er aber
dies sei gut.
Er dachte:
alles sieht gleich aus,
ich wandere den gemeinen Orten
entgegen,
den Antrag unter dem Arm
im Tethysmeer.
„Es fiel mir, ich gestehe es, im
Nachhinein nicht leicht, zu erkennen,
wohin ich ging, ob ich
irgendwohin ging, so wie ich es vorhatte, oder ob
ich am selben Ort geblieben war.
Wie soll ich es in schöne Worte kleiden?
es drängte sich vieles gegen
mich. Das tethynische Meer drängte sich mir
entgegen in seiner ruhigen
Strenge...von der Art her beharrlich.
Unauffällig war sein Wille, mich weise zu
machen, mich, den Boten,
den verarmten Reedereibesitzer, mit dem Antrag unter
dem Arm.
Es sagte mir:
Denke nicht, Lumpenhund, es gäbe
einen Weg
vorbei am Horizont
denke nicht
diese Falten, die sich hier zum
Gebirge gebärden
hätten euch im Sinn.
Bemühe dich
Zack
bemühe dich
um den Horizont!
sprach das Meer
schrieb Adalbert Spichtig am 18.
Dezember 1513 in
sein Notizbuch und las den Text
laut vor auf dem Marktplatz.
Er kletterte hierzu auf den
Balken des Galgens.
Er sprach in den Jubel:
Wie ist die Aussicht?
Was habt ihr für eine Aussicht?
Die Menschen waren froh.
Sahen sie ihn? Konnte er
unauffällig sein?
Denn sein Schiffereibetrieb war
zerrüttet.
Längst war das Meer weg
was die Menschen freute.
In den zuvor mit Appenzell
abgeschlossenen Schutz- und Bündnisverträgen war
das Land als Bundesgenosse mittleren
Rechts behandelt worden.
Wer sagte das?
Irgendjemand, sehr laut.
Die Appenzeller
sassen auf dem Marktplatz.
Auf dem Boden lagen
warme Decken.
Würste wurden
zum heiteren Anlass
gereicht.
Käse schmolz
über unzähligen Feuern
gespenstisch stieg der Rauch
in den kalten Himmel.
Appenzell!
wurde gerufen
doch es war nicht Adalbert
Spichtigs Stimme.
Appenzell erhält in der Rangfolge
der vollberechtigten Orte den Platz 13 hinter Zürich, Bern, Luzern, Uri,
Schwyz, Unterwalden, Glarus, Zug, Basel, Freiburg, Solothurn und Schaffhausen.
Vergeblich hat das Sankt Galler Äbtli Franz Geissburg versucht, die Aufwertung
der ehemaligen Untertanen des Klosters zu verhindern.
Ja! rief Adalbert Spichtig, Ja
und? Ja und?
Wie ist eure Aussicht?
und stand schwankend auf dem
Balken.
Denkt an das Meer!
Denkt an das Meer, das
Tethysmeer.
Denkt an den Horizont!
Spichti, halts Maul!
Ende Januar dieses Jahres 1513
übergaben die Fraszosenlumpen die Schlösser von Lugano und Logarno an die
Schweizer. Alle Alpenpässe vom grossen Sankt Bernhard bis zum Stilfser Joch
sind nun in der Hand der Eidgenossen...
Welche Hand, welche Hand?
rief Adalbert Spichtig über die
Menge.
Ein anderer Mann nahm aus der
Hand einer Frau eine Wurst und rief:
Am sechsten Juni dieses Jahres
besiegten in der Schlacht von Novara die Schweizer die Trüppli der
Franzosenhosen und der Venezianer, die gemeint haben, ins Herzogtum Mailand
einfallen zu müssen. Die tapferen Schweizer zwangen die Franzosen zum
schnurstracksen Rückzug über die Alpen. Die Eidgenossenschaft steht auf dem
Höhepunkt ihrer Macht!
Adalbert Spichtig formte seine
Hände zum Trichter
Und rief: Mir sagte das Meer, mir
sagte das Meer:
Die Alpen gehören zum Tethysmeer!
Die Bildung der Alpen durch Druck
erzeugte Sedimentablagerungen!
Der Wechsel von Eiszeiten und
warmen Zwischeneiszeiten!
Mächtige, landschaftsverändernde
Kräfte!
Das Sinken der
Durchschnittstemperaturen!
Das Zunehmen der Niederschläge!
Das Auswachsen der Gletscher!
Das Vordringen der Gletscher in
das freiliegende Mittelland!
Kälteliebende Pflanzen und Tiere
folgten dem Eis oder zogen sich zurück, wenn die Winter milder, die Sommer
länger und wärmer wurden.
Der Pratteler Faustkeil zeugt
davon!
Mammut und Wollnashorn!
Währenddessen sprach der Mann mit
der Wurst:
Bei der Kampfesweise der
Eidgenossen in den Mailänderzügen bildet die Hauptmacht die Infanterie. Wir,
die baldigen Soldaten, vertrauen auf die unüberwindliche Macht unserer
festgefügten Karren und unserer Hauptwaffe, auf die gefürchteten Langspiesse,
mit denen die feindliche Schlachtreihe aufgebrochen werden muss, kann und soll. Im Nahkampf setzen
wir mit Vorliebe die Schwerter, die gefürchteten „Katzbalger“ und das
Seitenwehr, das „Ruggerli“ ein.
Warum? Wills nützt!
So ging es eine Weile weiter.
Dringend bleibt zu erwähnen, was
dann geschah.
Wie durch ein Wunder – es war
aber keines! – mussten sich in den folgenden Stunden die Blicke der Frauen an
den schmächtigen Körper Adalbert Spichtigs geheftet haben, und es darf davon
ausgegangen werden, dass sie gehört hatten, was er rief.
Wann? Am 18. Dezember 1513,
wahrscheinlich zwischen 16 und 19 Uhr.
Heute wollen wir feiern, was dann
geschah.
Die Appenzeller Frauen erhoben sich,
verjagten mit den Händen den Rauch und folgten Adalbert Spichtigs feinen Rufen.
Dieser forderte sie mit guten Argumenten auf, Häuser und Mäste zu erklimmen,
auf die Dächer der Heuscheunen, die Buchen, die Tannen, die Lärchen und
Weisstannen, die Ahornbäume, die Eschen und auf die anderen herumstehenden Bäume
sowie auf die Galgen der weiteren Umgebung zu klettern.
Behende gingen die Frauen alsbald
ans Werk, wenn man das so sagen will.
Und siehe da: nach weniger als
einer Stunde ward weit und breit keine Baumspitze mehr ohne Appenzellerin
gesehen. Da oben standen sie und wankten nicht.
Hat damals irgendjemand zu jener
Zeit nur eine einzige Kirchturmspitze, nur einen einzigen Kirchturm ohne
Appenzellerin gesehen?
Im Gegenteil, man konnte sich des
Eindrucks nicht erwehren, sie hätten vorher an diesen Stellen gefehlt, an denen
sie nun standen.
Auf keinem Heuschoberdach, auf keinem
Turmspitzchen, nicht auf dem Dach des Rathauses fehlten die Appenzellerinnen.
Es war, als hätten sie endlich zueinander gefunden: Die Baumspitzen und die
Frauen, die Dächer und die Frauen, die Turmspitzen und die Frauen, das Rathaus
und die Frauen.
Aus der so erlangten Höhe hielten
die Frauen Ausschau nach dem Horizont. Sie fanden ihn sofort. Später dann
berichteten sie davon den Männern, die ihre Mühe damit hatten. „Ich ha ä chli
Müeh“, sagten diese, wie nachgelesen werden kann.
Nie hat sich bis zur
Vollständigkeit geklärt, was die Frauen genau erblickten, als sie von ihren
jeweiligen Höhe aus schweigend in die Dämmerung geschaut hatten.
Den Horizont? Darf man das so einfach
glauben? War er es, und wie war das gemeint?
Vergessen wir nicht, dass noch in
den darauffolgenden Jahrhunderten vor allem Männer das Vergnügen gestattet
wurde, von Geschehnissen solcher Art für allfällige spätere Generationen zu
berichten, und dass dementsprechend verhältnismässig genügsam über das Ereignis
geschrieben wurde, das heute Anlass zum Fest bietet.
Davon ausgegangen werden kann,
dass die Frauen in der Nacht, die auf den 18. Dezember 1513 folgte, auf ein
geheimes Zeichen hin – was für eines? Musste es wirklich im Meer der Zeiten
verschwinden, hätte man es wirklich nicht vor der Vergessenheit retten können? –
die Häuser ihrer Männer verliessen.
Eine bisher in weiten Kreisen
verschwiegene, Jahrhunderte lang gar in einem tadellosen Landammannschuh
versteckte und erst im Jahr 1990 wiederentdeckte Quelle berichtet von schwer zu
beschreibenden, vielerlei, offenbar hunderten, seltsam geformten Gestalten, die
damals die tiefe und gebirgige Dunkelheit der Nacht verschwiegen in Bewegung
brachten. Der Verfasser jener Quelle erwähnt das ungemeine Gewicht, das er den
Schritten der Gestalten angehört habe. Der Boden sei fast unmerklich im Takt
der Schritte „erboben“.
Die Frauen trugen, dies ist heute
geklärt, auf ihren Rücken die überaus schweren und im übrigen schon damals
eigentlich unpraktischen Katzbalger und Ruggerli, die sie scheinbar wenige
Minuten zuvor wie selbstverständlich unter den Betten ihrer Männer
hervorgezogen und sie mit einem Ruck auf ihre Rücken geschwungen hatten.
Augenscheinlich hatten ihre
Männer, wie es die Tradition gebot, allesamt tief und fest geschlafen.
Im Schein von Mond und Sternen
müssen die Frauen im Folgenden ein gewaltiges Feuer entfacht – bis heute ziert
kein Erinnerungsstein diese Stelle – und die Ruggerli und Katzbalger zum
Schmelzen gebracht haben. Bald schienen diese als silbrigglänzende Flüsschen
durch die Wiese gelaufen zu sein.
Das würde man heute natürlich so
auch nicht mehr machen.
In den folgenden Stunden des 18.
oder bereits des 19. Dezembers 1513? – verschwanden die Frauen leise und
entschieden aus Appenzell. Verschiedene Tagebuchauszüge wütender, entsetzter
und trauriger Natur berichten multiperspektivisch von diesem Geschehen.
Die Appenzellerinnen kamen
frühestens drei Monate später zurück und auch dann nicht alle. Die, die
wiederkamen, trugen auf ihren Köpfen Gefässe von nie gesehener Vernunft und
Klarheit. Darin schaukelte Salzwasser hin und her.
Noch lange schliefen sie auf dem
Dach des Rathauses und hielten Ausschau.
Dann verschwanden sie für immer.
Einige hinterliessen Kinder, die
sich gerne an sie erinnerten.
Adalbert Spichtig war nach
besagter Nacht umsichtig und unauffällig aus Appenzell verschwunden.
Er hatte recht getan. Viele
wünschten ihm den Tod.
Donnerstag, 7. März 2013
"Rüeblikuchen
Norbert, ein echter Schweizer, etwas ruhig und scheinbar langsam, brachte eines Tages diesen frischen Kuchen mit ins Institut. Ein Erlebnis!
Er ist ein idealer Osterkuchen. Wie aus einschlägigen Kinderbüchern bekannt, essen Osterhasen am liebsten Möhren, die Schweizer Osterhasen halt - Rüebli."

Donnerstag, 28. Februar 2013
Montag, 25. Februar 2013
"Jede Jahreszeit verlockt in Peking zu Müßiggang: im Frühling läßt man Drachen steigen, in Sommernächten wandert man zum Nord-See, im Herbst macht man Spaziergänge in den Westbergen, um das rote Laub zu betrachten, und im Winter sitzt man frühmorgens, wenn es aufhört zu schneien, am Fenster und malt. Wenn man sich einsam fühlt, geht man auf und ab und dichtet, und wenn man in geruhsamer Stimmung ist, sitzt man einfach da und schlürft Tee; so geht das halbe Leben mit leerer Zerstreuung vorüber."
Cao Yu: Der Pekingmensch
Montag, 11. Februar 2013
Samstag, 9. Februar 2013
"Entweder du rennst
oder du verbrennst."
- Dr. H. G. Bohnert, The Semiotic Status of Commands,
Philosophy of Science, XII (1945), S. 302
Donnerstag, 7. Februar 2013
Weil
es sich um einen bahnbrechenden Eingriff handelt, ist die ganze Zeit über,
immer wieder zwischen Nachrichtenblöcken, Features und Kurzreportagen live zugeschaltet,
ein Radioreporter im Operationssaal anwesend. Nicht hinter der Glasscheibe an
der Stirnseite des Raumes, wo leicht erhöht Sitzreihen voller Medizinstudenten
das Geschehen überblicken, sondern direkt unten am Operationstisch bei den
Chirurgen.
Zunächst
wird dem Patienten ein kleines Loch in die Schädeldecke gebohrt. Der Redakteur
vom Dienst hat sich alle Mühe gegeben, das Programm des Radiosenders möglichst
um das Sirren des Schädelbohrers herum zu arrangieren. Dieses Schädelbohrersirren,
dachte er, sind wir unseren Hörern schuldig. Sonst könnte man ja einfach
irgendein Interview mit einem Gehirnchirurgen irgendwann aufnehmen und
übertragen. Später werden dem Patienten über dieses Loch zwei Elektroden ins
Gehirn eingeführt, die nach der Operation mit einem Impulsgebenden Gerät
außerhalb des Kopfes verdrahtet werden können.
„Ganz
salopp“ fragt der Radioreporter einen der Chirurgen in sein Mikrofon, „könnte
man also sagen: ein Hirnschrittmacher?“
„Ganz
so salopp wäre das gar nicht“ antwortet der befragte Chirurg, während er das
frisch gebohrte Loch in der Schädeldecke mit Kochsalzlösung einsprüht, „Es
träfe den Nagel schon fast auf den Kopf.“
Der
Patient wurde durch Inkubations-Vollnarkose in einen Tiefschlaf versetzt.
Trotzdem öffnet er, als sich der Radioreporter nah an sein Gesicht herantraut,
für einen langen, regungslosen Blick die Augen.
„Das
ist ja sehr interessant, Herr Professor Sorty“ sagt der Reporter, „der Patient
schaut mir jetzt direkt in die Augen. Was bedeutet das?“
Dienstag, 5. Februar 2013
Zitate zur Verwendung und Betrachtung
Im Jahr 1513 ist an viel Orten der Welt ein ufrührisch blutigs Jahr
gsyn, durch hart Gestirn und Sonnenfinstere verzeigt. (Anselm, Berner Chronik)
Die Eigentümlichkeit der Appenzeller, ihrem Gedächtnis und starken Arme mehr zu vertrauen als
den Pergamenten, prägt sich in dem vielfach empfundenen Mangel an Urkunden aus. Im Archiv
zu Appenzell fand sich keine einzige Urkunde, die von dem Eintritt Appenzells handelte (vom
Bundesbrief abgesehen), wie übrigens auch im Stadtarchiv keinerlei Material zu finden war.
Die neugierige Nachwelt sucht oft umsonst in den innern Gang der appenzellischen Geschichte
einzudringen. Nur in schwachen Umrissen sind Personen erkennbar.
Hier müssen wir uns den eidgenössischen Angelegenheiten zuwenden.
Der erste Versuch Appenzells, eidgenössisches Bundesglied zu werden: 1501.
Der zweite Versuch: 1510. Sie liessen daher ihre Botschaft zu den Orten reiten und erneuerten ihre
Werbung vom Jahre 1501. Neun Tage später richteten Landammann und Rat von Appenzell ein
Schreiben an den Rat von Luzern mit der dringenden Bitte, sie „als fromm lüt, die sie ob got will sind
und an ihnen sin wollent, zu ainem ort wie die stett Fryburg, Soloturn vnd Schaffhusen“ anzunehmen.
Durch die gütige Vermittlung des Herrn Staatsarchivar Dr. v. Liebenau in Luzern wurde uns eine
Abschrift des Briefes zugestellt.
Der dritte Versuch: 1512.
Offenbar machten sich die Appenzeller die „bedenklichen Zeitläufe“ zu nutze.
Im Jahr 1513 ist an viel Orten der Welt ein ufrührisch blutigs Jahr gsyn, durch hart Gestirn und
Sonnenfinstere verzeigt. (Anselm, Berner Chronik)
In dieser düsteren Periode äusserer Macht und innerlichen Niederganges vollzog sich der Umschwung
in der Stimmung der Eidgenossen gegen ihre todesmutigen Kampfgenossen von Appenzell. Mit
grosser Behendigkeit ergriff es die Gelegenheit.
Obgleich der Abt von St. Gallen jährlich 400 Fuder Wein in seinen Keller brachte, zwang er seine
Konventualen sauren Wein zu trinken, bis sie krank wurden. Der Abt selbst trank, so gerne er Silber
und Gold sah, doch aus einem hölzernen Becher.
Die überaus heftige Opposition des Abtes lässt sich erklären. Seine Besorgnis, seine Furcht vor
dem gewaltthätigen Ubermut der Appenzeller war ebenso begründet, wie der Hinweis, dass sie ihre
Stellung überhaupt nur der Gewalt, nicht dem Rechte zu verdanken haben.
In Zürich fand der Abt ein offenes Ohr.
Im Jahr 1513 hob der Bauherr und Vorsitzende der Innerrhoder Reedereiwirtschaftsordnung, das
Mitglied des Großen Rats, Adalbert Spichtig, behutsam die zitternde Tasse unnachgiebig zum Mund.
Am Dienstag nach Lucientag, am 13. Dezember 1513, nahm die Tagsatzung in Zürich, welche
Appenzell den endgültigen Entscheid bringen sollte, ihren Anfang. Aber erst am folgenden Tage
versah Zürich seine Boten mit der Instruktion, der Eidgenossen Antwort zu hören und, falls sie
diese geneigt sehen, Appenzell anzunehmen, unter Vorbehalt des Burg- und Landrechts ebenfalls
einzuwilligen.
Die Instruktion von Mittwoch nach Lucientag, 14. Dezember 1513, die wir dem freundlichen
Entgegenkommen des Herrn Staatsarchivar Labhart verdanken, hat folgenden Wortlaut: Uff die
pitt so unser Eidtgnossen von appenzell, si für ein Ortt wie Friburg, Soloturn und Schaffhusen sind
ufzunemen, getan, habent min herren Rat und burger sich erkennt, der Eidtgnossen antwort zu hören,
und sover si an denselben erfindent, dz si willens sind, si in sölicher gestalt anzunemen, wölent min
herren das selb och gestatten und darin willigen, doch also dz min herren von Zürich und Lutzern
Ir burgerrecht und unser Eidtgnossen von Swytz und Glarus Ir landtrecht, so wir vier ort mit dem
gotzhus Sant Gallen habent, in allem Inhalt und Ustruck, lutter und eigentlich unbedingend und
vorbehaltend.
Leider meldet keine Überlieferung, welche Orte neben Bern es waren, deren Eintreten für Appenzell
es bewirkte, dass seiner Aufnahme stattgegeben werden musste.
Auf derselben Tagsatzung, da der Bischof von Verulam den päpstlichen Gruss und Segen
überbrachte und den Eidgenossen ein Bündnis mit Leo X. antrug, da auch der kaiserliche Bote
sich einfand, um die Eidgenossen von eben diesem Bunde abzumahnen, erfolgte am Schlusse
der Verhandlungen die Aufnahme Appenzells als XIII. Ort: „Unser lieben Eydgnossen von
Appenzell sind für ein Ort angenommen, wie Fryburg, Soloturn und Schaffhusen und ouch
jeder Bott weiss zu sagen“.
Das genaue Datum der Aufnahme ist nicht zu bestimmen; jedenfalls war es nicht der 13. Dezember.
So war das ersehnte Ziel endlich erreicht.
Es mag den Nachkommen vergönnt sein, das dürftige Denkmal der Appenzeller mit einem Kranze
dankbarer Erinnerung zu schmücken. Wen seine Moralität daran hindert, der möge des Wortes
von Jakob Burckhardt gedenken: „Das 15. Jahrhundert erzog Menschen mit andern Nerven, als die
unsrigen sind.“
gsyn, durch hart Gestirn und Sonnenfinstere verzeigt. (Anselm, Berner Chronik)
Die Eigentümlichkeit der Appenzeller, ihrem Gedächtnis und starken Arme mehr zu vertrauen als
den Pergamenten, prägt sich in dem vielfach empfundenen Mangel an Urkunden aus. Im Archiv
zu Appenzell fand sich keine einzige Urkunde, die von dem Eintritt Appenzells handelte (vom
Bundesbrief abgesehen), wie übrigens auch im Stadtarchiv keinerlei Material zu finden war.
Die neugierige Nachwelt sucht oft umsonst in den innern Gang der appenzellischen Geschichte
einzudringen. Nur in schwachen Umrissen sind Personen erkennbar.
Hier müssen wir uns den eidgenössischen Angelegenheiten zuwenden.
Der erste Versuch Appenzells, eidgenössisches Bundesglied zu werden: 1501.
Der zweite Versuch: 1510. Sie liessen daher ihre Botschaft zu den Orten reiten und erneuerten ihre
Werbung vom Jahre 1501. Neun Tage später richteten Landammann und Rat von Appenzell ein
Schreiben an den Rat von Luzern mit der dringenden Bitte, sie „als fromm lüt, die sie ob got will sind
und an ihnen sin wollent, zu ainem ort wie die stett Fryburg, Soloturn vnd Schaffhusen“ anzunehmen.
Durch die gütige Vermittlung des Herrn Staatsarchivar Dr. v. Liebenau in Luzern wurde uns eine
Abschrift des Briefes zugestellt.
Der dritte Versuch: 1512.
Offenbar machten sich die Appenzeller die „bedenklichen Zeitläufe“ zu nutze.
Im Jahr 1513 ist an viel Orten der Welt ein ufrührisch blutigs Jahr gsyn, durch hart Gestirn und
Sonnenfinstere verzeigt. (Anselm, Berner Chronik)
In dieser düsteren Periode äusserer Macht und innerlichen Niederganges vollzog sich der Umschwung
in der Stimmung der Eidgenossen gegen ihre todesmutigen Kampfgenossen von Appenzell. Mit
grosser Behendigkeit ergriff es die Gelegenheit.
Obgleich der Abt von St. Gallen jährlich 400 Fuder Wein in seinen Keller brachte, zwang er seine
Konventualen sauren Wein zu trinken, bis sie krank wurden. Der Abt selbst trank, so gerne er Silber
und Gold sah, doch aus einem hölzernen Becher.
Die überaus heftige Opposition des Abtes lässt sich erklären. Seine Besorgnis, seine Furcht vor
dem gewaltthätigen Ubermut der Appenzeller war ebenso begründet, wie der Hinweis, dass sie ihre
Stellung überhaupt nur der Gewalt, nicht dem Rechte zu verdanken haben.
In Zürich fand der Abt ein offenes Ohr.
Im Jahr 1513 hob der Bauherr und Vorsitzende der Innerrhoder Reedereiwirtschaftsordnung, das
Mitglied des Großen Rats, Adalbert Spichtig, behutsam die zitternde Tasse unnachgiebig zum Mund.
Am Dienstag nach Lucientag, am 13. Dezember 1513, nahm die Tagsatzung in Zürich, welche
Appenzell den endgültigen Entscheid bringen sollte, ihren Anfang. Aber erst am folgenden Tage
versah Zürich seine Boten mit der Instruktion, der Eidgenossen Antwort zu hören und, falls sie
diese geneigt sehen, Appenzell anzunehmen, unter Vorbehalt des Burg- und Landrechts ebenfalls
einzuwilligen.
Die Instruktion von Mittwoch nach Lucientag, 14. Dezember 1513, die wir dem freundlichen
Entgegenkommen des Herrn Staatsarchivar Labhart verdanken, hat folgenden Wortlaut: Uff die
pitt so unser Eidtgnossen von appenzell, si für ein Ortt wie Friburg, Soloturn und Schaffhusen sind
ufzunemen, getan, habent min herren Rat und burger sich erkennt, der Eidtgnossen antwort zu hören,
und sover si an denselben erfindent, dz si willens sind, si in sölicher gestalt anzunemen, wölent min
herren das selb och gestatten und darin willigen, doch also dz min herren von Zürich und Lutzern
Ir burgerrecht und unser Eidtgnossen von Swytz und Glarus Ir landtrecht, so wir vier ort mit dem
gotzhus Sant Gallen habent, in allem Inhalt und Ustruck, lutter und eigentlich unbedingend und
vorbehaltend.
Leider meldet keine Überlieferung, welche Orte neben Bern es waren, deren Eintreten für Appenzell
es bewirkte, dass seiner Aufnahme stattgegeben werden musste.
Auf derselben Tagsatzung, da der Bischof von Verulam den päpstlichen Gruss und Segen
überbrachte und den Eidgenossen ein Bündnis mit Leo X. antrug, da auch der kaiserliche Bote
sich einfand, um die Eidgenossen von eben diesem Bunde abzumahnen, erfolgte am Schlusse
der Verhandlungen die Aufnahme Appenzells als XIII. Ort: „Unser lieben Eydgnossen von
Appenzell sind für ein Ort angenommen, wie Fryburg, Soloturn und Schaffhusen und ouch
jeder Bott weiss zu sagen“.
Das genaue Datum der Aufnahme ist nicht zu bestimmen; jedenfalls war es nicht der 13. Dezember.
So war das ersehnte Ziel endlich erreicht.
Es mag den Nachkommen vergönnt sein, das dürftige Denkmal der Appenzeller mit einem Kranze
dankbarer Erinnerung zu schmücken. Wen seine Moralität daran hindert, der möge des Wortes
von Jakob Burckhardt gedenken: „Das 15. Jahrhundert erzog Menschen mit andern Nerven, als die
unsrigen sind.“
Mittwoch, 30. Januar 2013
500 Jahre Appenzell (Das große Gespräch über die Zukunft IX)
Schlacht am Stoss
1405
Felsblöcke Hellebarden
Äußere Macht
Innerer Niedergang
wie einst
am Vögelinsegg
1403
nur der Gewalt, nicht dem Rechte zugetan
am zugewandten Ort
Acht alte Orte nur
Untertanengebiete
hier
Gemeine Herrschaft
Bruder Klaus, Schutzpatron der Schweiz,
ich bin
auf guter Freunde Rat
hierher zu dir gekommen,
um zu fragen:
hierher zu dir gekommen,
um zu fragen:
Wohin geht die Welt?
Was ist geheim?
Wie geht es meinen Lieben?
Wo ist die Schweiz?
Wo ist die Schweiz?
Das große Gespräch über die Zukunft VIII
"'Vater und Sohn' war Ende Februar 1929 ein Programm der Berliner Funkstunde überschrieben. Alfred und sein 14-jähriger Sohn Wolfgang unterhielten sich vor dem Mikrofon. Worüber sie wohl geredet haben? Es gibt die verbürgte Behauptung: über Gott. Außerdem, so nach Presseberichten, über alles andere auch."
Wilfried F. Schoeller: Döblin. Eine Biographie, S. 318
Montag, 28. Januar 2013
Donnerstag, 24. Januar 2013
Montag, 21. Januar 2013
Vorgestern
Rostig
nach einer Kehlkopfoperation
ohne zu läuten oder zu klopfen
noch immer
ein Geheimtipp
Vergangenheit allein
was Gegenwart
geblieben ist
was so wehgetan hat
Ein neues Glück
Ein neues Glück
Donnerstag, 10. Januar 2013
Die Erfindung der Moral (Vorgriff)
1. Die Todsünde Trägheit (des Herzens)
Der Dozent am Ende seiner Vorlesung:
"Und das ist meine Bitte an Sie: Wissen Sie nichts.
Arbeiten Sie mit Ihren Zweifeln. Ihrer Unsicherheit.
Denn außerhalb der Grenzen
des Sozialen liegt in
der Gewissheit kein Fortschritt.“
Montag, 7. Januar 2013
Der Schriftsteller Klaus Rubín galt Zeit seines Lebens als Randnotiz der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur. 1949 in Bad
Godesberg geboren und aufgewachsen, begann Rubín ein Landwirtschaftsstudium an
der Universität Bonn, das er nach drei Semestern abbrach. Bis Anfang der 1980er
Jahre verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit zahlreichen Anstellungen,
arbeitete u. a. als Gabelstaplerfahrer, Postbote, Bademeister, Erzieher,
Hausangestellter, Museumswächter, Hilfslehrer, Reservist und Theaterkomparse.
1976 erschien im Verlag Günther Boll sein erstes Buch, „Die Nachtfliege“.
Dieser nicht einmal hundert Seiten umfassende Roman war das einzige Werk Rubíns,
das er unter seinem wirklichen Namen publizieren ließ, denn in den folgenden
Jahren entwickelte er eine Reihe fiktiver Autorenpersönlichkeiten, in denen
sich sein kurzes schriftstellerisches Schaffen schillernd auffächerte: Die
erste Persönlichkeit, die ans Licht der Öffentlichkeit trat, war Ulrike
Fetschau, eine Autorin der Studentenbewegung, die für kurze, analytische
Prosastücke, essayistische Liebesgeschichten und politische Schriften
verantwortlich zeichnete. Dann kam Sam Krauss hinzu, der mit seinen
Kriminalminiaturen insbesondere im angloamerikanischen Raum für Aufsehen
sorgte. Eine „Lyrik des Körpers, Hautgedichte, Drüsenverse, Wort gewordenes
Fleisch“ verfasste ein Mann namens Doktor Marelli, begabter Internist und Sohn
eines italienischen Gastarbeiters. Nik Nitro, wohl am ehesten dem Charakter
Klaus Rubíns entsprechend, bewegte sich als Journalist in den zwielichtigen
Milieus Westdeutschlands und schrieb eine Vielzahl emphatischer Reportagen aus
der Drogen-, Boxer-, Stricher- und Rockerszene. Außerdem wird der seit dem
Jahre 1991 verstummte Schriftsteller Bluud Malau ebenfalls zum Umfeld der
Rubínschen Autorenfiguren hinzugezählt, obgleich die Literaturwissenschaft
bisher noch keine schlagenden Beweise dafür hervorgebracht hat, dass es sich
bei Malau tatsächlich um eine Erfindung Rubíns handelt – augenfällig ist jedoch, dass
Malaus unvollendete „Trilogie des Weißen Berges“, die aus den beiden insgesamt
siebentausend Seiten füllenden Romanen „Pappakappa“ und „Die Namen der Nacht“ besteht, zahlreiche Verknüpfungen mit dem literarischen Kosmos des Klaus Rubín
und seiner Autorenpersönlichkeiten enthält. Die Werke von Fetschau, Krauss, Marelli und Nitro
erschienen in einem Zeitraum von zehn Jahren bei unterschiedlichen Verlagen in
mehr oder weniger großen Auflagen. Rubín legte eine atemberaubende Produktivität
an den Tag, um den Oeuvres seiner Autoren gerecht zu werden. Es gelang ihm
sogar, mehrere komplexe Briefwechsel zwischen seinen Persönlichkeiten zu
initiieren, in denen sich die vier Schriftsteller heillos in privaten Intrigen,
Liebesgeständnissen, Verleumdungen und Missverständnissen verhedderten. Im Jahre
1987 veranstaltete das Germanistische Institut der Universität Bamberg einen
kleinen Kongress, der die zahllosen augenscheinlichen Querverweise in den
Texten der vier Autoren zueinander ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte – die
Öffentlichkeit strafte die Germanisten jedoch mit kompletter Gleichgültigkeit,
und es ist recht unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, dass Klaus Rubín als
unerkannter Gasthörer dem Kongress beiwohnte. Er befand sich spätestens seit
1988 in Argentinien, wo er eine Gruppe junger drogensüchtiger Künstler um sich
geschart hatte, mit denen er über Monate hinweg Raubzüge in den ländlichen
Regionen durchführte, mal blutrauschende Gewaltakte, mal dilettantisch
ausgeführte Verbrechen der Verzweiflung. Die gestohlenen Wertsachen wurden an
Hehler verhökert, das Geld später in Buenos Aires großzügig verjubelt. Noch heute erzählen die Bauern der Pampa ihrem Nachwuchs die „Geschichte vom blutroten Wägelchen“, das eine Gruppe deutsch sprechender Geister mit weißen Gesichtern übers Land zieht, vollbeladen mit Wirbelsäulen, Brustkörben, Schädeln und Fleischstücken ungezogener Kinder, die an die Hungernden verschenkt werden. Am 3.
September 1991 fand man Klaus Rubín leblos in einer schäbigen Kneipe am Rande der
argentinischen Hauptstadt, im hintersten Winkel eines Toilettenraums. Laut
Obduktionsbericht war er an einer Überdosis Heroin und Kokain verstorben, die
Leiche zum Zeitpunkt des Fundes bereits sechs Tage tot.
Dienstag, 1. Januar 2013
Das
Jahr 2013 begann hingegen so: dass ich am 1. Januar gegen fünf Uhr morgens
aufwachte, als draussen eine Frau schrie, dass die Frau schrie nein, nein, begann also so, dass ich
aufstand und erst aus dem falschen Fenster, das nämlich den Platz überblickt,
schaute und keinen Menschen sah, aber weiterhin schrie die Frau ganz in der
Nähe, so dass ich auch noch aus dem zweiten Fenster schaute, das der relativ
steil abfallenden Einfahrt in die Strasse zugewendet ist, dort sah ich die
Frau, die schrie oder vielmehr eine Gestalt, die auf der Strasse lag, sie trug
einen schwarzen Wintermantel mit einem Gürtel um die Taille, so viel erkannte
ich, es war noch nicht hell geworden, auf ihr kniete ein Mann, den ich nur von
hinten sah, er packte die Frau dann an ihren Armen und zog sie, die auf dem
Asphalt lag, in die Richtung des Platzes am unteren Ende der Einfahrt, es
schien ihn keine grosse Anstrengung zu kosten, er hob ihren Körper dann leicht
vom Boden auf und drückte sie gegen eine der Betonstufen, die den Platz
umgaben, der Kopf und der Rücken der Frau lagen nun auf dieser Stufe, ihr
Körper stark rückwärts gebeugt, der Mann schien sich mit grossem Gewicht auf
ihren Brustkorb zu stützen, die Frau schrie, nein, nein, versuchte ihr Becken in die Luft zu stemmen, um nicht
gegen die Kante der Betonstufe gedrückt zu werden, der Mann, der eine
Kopfbedeckung und eine helle Hose trug, liess von ihr ab und schrie, als die
Frau versuchte aufzustehen, stiess er sie mit beiden Händen gegen die Brust, so
dass sie wieder auf die Stufe fiel, ich hatte das Fenster geöffnet, einige
Fussgänger gingen am oberen Ende der Einfahrt vorbei, nur dunkle Umrisse, die
Frau entwischte und rannte auf das steile Strassenstück zu, aber der Mann hatte
sie mit wenigen Schritten eingeholt, der Mann schrie, die Frau lag vor ihm auf
dem Asphalt und schütze mit den Händen ihr Gesicht, der Mann sagte einen
letzten Satz und wandte sich dann plötzlich ab, folgte dem Strassenverlauf mit
schnellen Schritten, die Frau blieb einen Augenblick lang liegen, dann stand
sie auf, sie nahm ihre Tasche, die ich erst jetzt überhaupt sah und rannte die
Einfahrt hoch, so schnell, schien mir, wie sie konnte und bog links in die
Hauptstrasse ein, ich ging zum zweiten Fenster, das den Platz und den weiteren
Strassenverlauf überblickte und sah den Mann, der sich erst noch entfernte,
aber dann plötzlich kehrt machte, er kam langsam auf den Platz zu und erst als
er den Platz und die Einfahrt wieder überblickte und erkannte, dass die Frau
verschwunden war, dass die Frau wider Erwarten nicht auf ihn gewartet hatte, begann
er zu rennen, er rannte in hohem Tempo die Einfahrt hoch und verschwand
ebenfalls auf der Hauptstrasse. Nur einen Moment später hörte ich eine Stimme,
die in einiger Entfernung wiederholt Abre
la puerta rief, ich war mir aber nicht sicher, ob es sich bei der Stimme um
diejenige der Frau handelte.
Sonntag, 16. Dezember 2012
Pistolen auf mich, Adalbert Spichtig, gerichtet!
Meine sehnigen Ärmchen werfe ich in die Luft.
Puff!
Was geschieht?
Piffpaff!
Wer stürzt da? Taumelt?
Oh
Ja aber
Schafseckel Fasnächtler Geizknäpper möderisches Lumpenpack!
Soll der Spichtig –
Ihr kömmt mit einer Pistole?
Mitten in den Alpen?
Vor den Augen der Kühe
ins Antlitz der tausendswelligen Berge
mit ihrem ratlosen Saum?
hineingeknallt
in die blauen Lichtfalten
vor der weissen Gletscherzunge?
hinein in die Vogelstille?
In diese aufgestellten Wälder
wo die Vögel knapp fliegen
In die Ruhe der schlafenden Rehe
Hirsche Hasen und Rebhühner?
Nur wenige Schritte vor –?
Halt! Da steht eine Tanne, die mich an eine Sängerin erinnert.
Haltla! Ihr meint wirklich unterhalb dieses Himmels
dieses buschigen grauen Himmels
aus dem es weiche Flöckchen
euch auf die Köpfe schneit?
Aber!
Die faulen Murmeltiere, warum sollen sie es hören?
Und warum mitten im Winter?
(Ich täuschte sie,
diese Fragen waren eingefädelt...)
Die Luft greift uns an die Nasen, zwickt in die Augäpfel –
Und mit nassen Füssen? Füsselitos?
Wollen wir nicht warten
(sagte ich, nicht
dumm...)
bis die Schmetterlinge wiederkehren
und den Tod Spichtis feierlich umflattern
der sie stets liebte?
Längst zwar, sagte ich in die Menge vor mir
– unbeweglich stand sie, stier, ohne Horizont –
fühlt ich mich verfolgt in den bitteren
gedankenschweren Nächten
in denen ich im Bett liegend
zu den Schneebäumen lauschte
als hielten sie das Stapfen zurück,
das von zornigen Füssen sich mir näherte.
Hab ich mich, rief ich in die Nacht
und der Zipfel meiner Nachtmütze warf
einen schrecklichen Schatten gegen die Wand
nicht verständlich gemacht?
Ihr schweigt...
Lustige Schritte machte ich nun
den kleinen Pistolen entgegen...
Ha! Diese Händchen!
Ich öffnete meinen schütteren Mund.
Für Bruchteile eines Sekündeli
Beeindruckten meine zackigen Zähne
durch ihr Alter, ihre Treue, ihre Stabilität.
Die Gesichter über den Pistolen –
Das ganze Dorf stand vor mir
kam in der Neujahrsnacht
stampfte mit Fellschuhen
durch den Schnee
In diesem Augenblick begann die Tanne zu singen.
Ich nahm meinen Stock und haute dem mörderischen Lumpenpack auf
den Kopf
¡Bum!
¡Bum!
¡Bum!
!Bum¡
!Bum¡
!Bum¡
¡!
¡!
¡!
Da lagen sie im Schnee.
(Allein mit ihrem Schmerz.)
Oh, wie sie aussahen!
Genau wie alle, wie ich sie kenne.
Ich nahm meinen Stock und ging in meine Hütte.
Sie aber standen auf (kümmerlich)
klopften sich gegenseitig auf den Kopf
brummten weinten nossen
kramten ihre Pistolen aus dem Schnee.
Bis zum Oberschenkel sanken sie ein
Als sie finster den Weg antraten
zurück ins blöde Dorf.
Ich sage euch
ich versank in Schwermut.
Ich schmolz Käse über dem Feuer.
Meinen vielen Pflanzen gab ich Wasser.
Das Loch meines Strumpfes stopfte ich
mit stürmischen Stichen.
Dann glich mein Herz einer Fahne.
Blau wehte sie, als ich auf die Tanne stieg
und meine sehnigen Ärmchen in die Luft warf.
Die Tiere hörten mich weinen.
Abonnieren
Posts (Atom)








