Donnerstag, 18. Oktober 2012

Meine Drehpausenbegegnung mit Dudikoff



Michael Dudikoff hatte sich eine Selleriestange vom Buffet genommen. Er wirkte etwas einsam und verlassen, wie er da herumstand. Also ging ich auf ihn zu und begrüßte ihn und fragte, wie es ihm gehe.
Gut, sagte Michael Dudikoff, es geht mir wieder sehr gut. Ich habe inzwischen wieder zu einer großen Fröhlichkeit zurückgefunden, nach dem ich ja eine lange Krise hatte.
Was war denn?, fragte ich.
Ach, ich hatte wirklich keine gute Zeit, sagte er. Die letzten zwei Jahrzehnte bin ich wirklich durch ein tiefes Tal gegangen. Aber ich möchte Sie nicht mit meinem Kram belasten. Das ist wirklich nicht so wichtig.
Nein, sagte ich, Quatsch, tun Sie ja nicht. Was war denn los?
1989, sagte er, 1989 habe ich doch diesen Film gedreht, ‚River of death – Fluss des Grauens’.
Er sah mich an und machte eine lange Pause.
Keine Ahnung, sagte ich, kann sein, bestimmt habe ich ihn gesehen, ich kann mir nur die Namen von Filmen immer nie merken.
Macht ja nichts, sagte er, jedenfalls haben wir den in Südamerika gedreht. Es gibt da diese Szene wo ich nachts im Dschungel durch den Fluss schwimme und wate.
Michael Dudikoff machte eine Pause und sah mich fragend an.
Ich weiß das jetzt nicht mehr so genau, sagte ich, ich habe den Film wahrscheinlich damals gesehen, das ist ja schon lange her.
Ja, ist lange her, sagte Michael Dudikoff, ist lange her. Also jedenfalls haben wir diese Szene mehrmals drehen müssen, weil es Probleme mit der Beleuchtung gab. Ich musste da immer wieder durch diesen Fluss waten und schwimmen, mitten im nächtlichen Dschungel, und dabei muss ein kleiner Wurm in meinen Hintern eingedrungen sein, ein Parasit. Ich habe das bei dem Dreh selbst nicht gemerkt. Aber wenige Tage nach dem Dreh der Szene habe ich beim Kacken plötzlich festgestellt, dass mein Stuhl bläulich verfärbt war. Ich meine, ich hatte gar keine Beschwerden oder so, aber man erschrickt natürlich, wenn das auf einmal blau ist.
Das glaube ich, sagte ich.
Naja, sagte Michael Dudikoff, natürlich bin ich gleich zum Arzt. Der hat mich untersucht und geröntgt, hat dann aber ziemlich schnell festgestellt, dass ich eben diesen bestimmten Wurm im Darmtrakt habe. Er hat mir erklärt, dass er sich da eben an die Darmwand angedockt habe und da als Parasit nun lebe. Ich habe den Arzt natürlich gefragt, was man dagegen machen könne, und der Arzt hat mir gesagt, dass man nichts dagegen machen könne, allerdings sei das auch nicht weiter schlimm, schließlich habe man selbst keine Beschwerden, lediglich der Stuhl verfärbe sich eben bläulich, was ja aber nicht schlimm sei. Außerdem sei es sowieso so, dass der Wurm mit der Stelle im Darm irgendwann verwachsen würde zu einem Organismus, der Wurm und ich nach und nach also gewissermaßen ineinander aufgehen würden, womit sich das Problem ja dann sowieso löse. Ich war ziemlich geschockt, muss ich sagen. Ich habe das zwar erstmal so weggesteckt, aber auf Dauer hat mich das wirklich fertig gemacht. Ich bin einfach nicht auf den Gedanken klargekommen. Ich habe gedacht, ich muss doch der bleiben, der ich bin, ich bin doch Michael Dudikoff, das kann doch nicht sein, dass ich mit so einem Wurm zusammenwachse. Ich will Ihnen das im Detail ersparen, auf jeden Fall habe ich eine ziemliche Identitätskrise bekommen, Depressionen auch, das ging in den Neunzigern los und ging bis vor zwei Jahren, eine wirklich schwere Zeit. Ich habe auch keine Rollen mehr bekommen aufgrund der Depressionen. Aber als ich wirklich nicht mehr weiter wusste, ist mir dann klargeworden, dass das auch nur ein bestimmtes Konzept ist, diese Individualität, die immer auf Ausgrenzung angelegt ist, und dass ich das einfach nur mal anders denken muss. Als mir das klar wurde, war es auf einmal gar nicht mehr schlimm, dass der Wurm und ich jetzt eben zusammen einen Organismus bilden, ich habe gelernt, mich selbst offener zu denken, nicht immer so abgegrenzt zu meiner Umwelt. Warum auch nicht? Naja, und seitdem bin ich wieder sehr fröhlich und lebenslustig.
Die Pausenglocke schellte.
Oh, sagte ich, entschuldigen Sie, Herr Dudikoff, jetzt ist die Pause schon rum und ich habe Sie durch meine Fragerei vom Essen abgehalten.
Ach, macht nichts, sagte Michael Dudikoff, dann nehme ich es halt mit und esse es später, ist ja kein Problem.
Er wickelte die Selleriestange in eine Serviette und steckte sie in seine Jackentasche.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Über die Obsternte 1872 in Grevenbroich (zu Gast von Michael Duszat)



Der strenge Winter des Jahres 1871 richtete an den Obstbäumen in Deutschland großen Schaden an. Heft 4 des Jahrgangs 1873 der Illustrierten Monatshefte für Obst- und Weinbau, dem Organ des Deutschen Pomologen-Vereins, druckte einen Brief an die Redaktion ab, der eine Liste der Apfel- und Birnensorten enthielt, die im Jahr 1872 in Grevenbroich Früchte getragen hatten:

Äpfel
Süßer Honigapfel trägt stark, wahrscheinlich Pomeranzenapfel,
                          prachtvoller Baum.
Pfirsichroter Sommerapfel trägt sehr stark, ist wohl der 
          empfehlenswerteste Frühapfel.
Winter-Goldparmäne trägt sehr stark, hat sich hier am allerbesten 
           bewährt.
Weißer Sommerrabau trägt stark, ungemein ergiebige Sorte.
Sophiens süßer Rosenapfel trägt sehr stark, gut zum Krautpressen.
Manks Kodlin trägt sehr stark, beste Sorte zum Dörren.
Köstlicher von Kew trägt stark, bleibt gewöhnlich zu klein.
Danziger Kantapfel trägt sehr stark.
Ananas-Renette trägt ziemlich stark.
Gestreifter Sommer-Zimtapfel trägt ziemlich stark.
Multhaupts Renette trägt stark, wird nicht leicht vom Wind 
           abgeworfen.
Alantapfel trägt ziemlich stark.
Ribston Pepping trägt stark, welkt auf dem Lager leicht.
Winter-Zitronenapfel trägt ziemlich stark.
Königlicher Kurzstiel trägt stark, welkt zu leicht.
Rote Sternrenette trägt stark, gesunder, in der Blüte nicht 
           empfindlicher Baum.
Schicks Johannisapfel trägt stark.
Himbeerapfel trägt stark.
Graue französische Renette trägt stark.
Früher Nonpareil trägt stark, fällt leicht ab und fault gern.
Grafensteiner trägt ziemlich stark.
Spitalrenette trägt stark.
Goldrenette von Blenheim trägt stark.
Bedfordshire Foundling trägt ziemlich stark.
Cornwalliser Nelkenapfel trägt ziemlich stark.
Großer Bohnapfel trägt stark.
Kaiser Alexander trägt stark.
Jakobsapfel trägt sehr stark, empfehlenswerter Frühapfel.
Parkers Pepping trägt ziemlich stark.

Birnen
Colmar Francois trägt stark, bleibt oft laff.
Blumenbachs Butterbirne trägt ziemlich stark.
Beurré d’Argenson trägt stark, empfehlenswerte, oft recht große 
           frühe Sorte.
Diels Butterbirne trägt ziemlich stark.
Volksmarser trägt stark.
Forellenbirne trägt ziemlich stark.
Capiaumont trägt stark.
Boscs Flaschenbirne trägt ziemlich stark.
Amanlis Butterbirne trägt sehr stark, etwas herb, gut zum Dörren.
Grüner Hoyerswerder trägt stark.
Duchesse d’Angoulême trägt ziemlich stark.
Nadelbirne, wohl Lokalsorte, trägt sehr stark, kleine bergamottartige 
           Frühbirne, trägt jährlich sehr reich, vergeht aber schnell.
Seckels Birne trägt ziemlich stark, sehr fein.

Samstag, 29. September 2012

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Freitag, 28. September 2012

Freitag, 21. September 2012

Das kalte Jahr (Vorgriff)





"Die leuchtende Sonne war erloschen, und die Sterne wanderten, sich verdunkelnd, im unendlichen Raume, ohne Strahlen, ohne Pfad, und die eisige Erde raste blind und dunkel durch die mondlose Luft; der Morgen kam und verging - und kam erneut, es wollte Tag nicht werden, und die Menschen vergaßen in all ihrer Not ihre Leidenschaften in all dieser Trostlosigkeit."

Lord Byron - Darkness




"Wilde Streiks an sechs verschiedenen Orten. Von uns [d.h. der organisierten, studentischen, kleinbürgerlichen Apo] keine Spur. Die Zeit wird kommen, wo man uns fragen wird: Wo warst Du, Adam? Und das beste, was wir dann sagen können, ist, wir haben gegen uns gekämpft, um das reißende Tier, das wir von Geburt an sind, zu fesseln und von der Macht fernzuhalten, alles zu zerstören."

Bernward Vesper - Die Reise




"And the Weathermen shrug their shoulders."

The Ex & Tom Cora 





Dienstag, 4. September 2012

Unser Scheitern an Deutschland




Donaukurier Nr. 204, Dienstag, 4. September 2012:


"IN KÜRZE:

Marsch nach Berlin
Die Protestcamps von Flüchtlingen in mehreren bayerischen Städten werden im Laufe dieser Woche offenbar alle aufgelöst. Am Samstag startet in Würzburg ein Protestmarsch nach Berlin. Die Flüchtlinge aus Passau, Regensburg, Aub bei Würzburg, Nürnberg, Bamberg und Würzburg schließen ihre Camps für die Teilnahme am Protestzug."

Samstag, 1. September 2012

In einem Land






"Es gehört Mut dazu, in einem Land zu leben, in dem man sich fremd fühlt, in dem eine Sprache gesprochen wird, die man nicht versteht, einem Land mit unbekannten Regeln und Bräuchen, in dem man nicht weiß, wen man um Hilfe bitten kann. Und es braucht noch viel mehr Mut, den Entschluss zu fassen, die Sprache dieses Landes zu lernen und mit den Menschen zu sprechen."
Dietrich Wersich

Gedanken an den Marsch auf Berlin - das ist jetzt schon zwei Jahre her!

"Schon Ende August, auf der Fahrt von Süden hoch, waren wir plötzlich eines Morgens in Nebel eingehüllt aufgewacht, fröstelnd in den Schlafsäcken zwischen Auto und Maisfeld. Im Freien konnte man auch bei gutem Wetter jetzt nicht mehr schlafen. Die Zeitungen rochen anders. Alles war beschlagen in der Frühe, taub. Offensichtlich war jetzt Schluß mit irgendwelchen Provisorien. Bringen sie die neue Ordnung in das Leben, lautete der Zeitbefehl, und wir mühten uns entsprechend."

Rainald Goetz Kontrolliert Seite 64

Mittwoch, 29. August 2012


Im Januar 2012 hörte mein Arschloch einfach auf, richtig zu schließen.

Freitag, 17. August 2012

Seine Straße und ihr Kapital





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Montag, 13. August 2012


Thilo Sarrazin
Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet

1. Betritt ein Schauspieler die Bühne, so hört er auf, sich selbst zu spielen, sondern spielt noch mal jemand anderes, was aber nur ein gradueller Unterschied ist.

2. Wer auf der Bühne jemanden schlägt, schlägt wirklich jemanden.
Es sei denn, er tut nur so und haut in die Luft, so dass es nur so aussieht. Aber dann schlägt er ja niemanden, und das ist ja nicht gemeint. Also gilt weiterhin: Wer auf der Bühne jemanden schlägt, schlägt wirklich jemanden.
Und das ist nicht gut.

3. Auf der Bühne kann nach Belieben Blut und/oder Sperma verspritzt werden, allerdings putzt derjenige, der die Sauerei veranstaltet hat, diese danach auch auf.

4. Zerstört ein Schauspieler im Spiel auf der Bühne einen Gegenstand, so ist es nicht die Aufgabe der Bühnenarbeiter, diesen bis zur nächsten Vorstellung zu reparieren, sondern seine eigene oder die des Regisseurs. Falls das Reparieren des Gegenstandes zu viel Arbeit macht, kann auch ein neuer gekauft werden.

5. Verliebt sich ein Schauspieler während der Proben oder bei der Aufführung in sein Gegenüber, das gerade auch eine Rolle spielt, so tut das den Gefühlen keinen Abbruch.

6. Wenn ein Stuhl auf einer Bühne steht, dem man die Lehne abgesägt hat, so stellt er einen Hocker dar.

7. Tiere und Pflanzen müssen auf der Bühne mit Respekt behandelt werden, auch wenn das Stück noch gar nicht angefangen hat.

8. Figuren mit Migrationshintergrund werden wie alle anderen von Schauspielern gespielt.

9. Ein Feuer auf einer Bühne benötigt unter anderem Sauerstoff.

10. Die Bühne endet dort, wo sie für beendet erklärt wird.

Donnerstag, 28. Juni 2012












Kleine schwarze Maschine, ich kann dich hören. Kleine schwarze Maschine kann ich dich hören? Kleine Maschine. Schwarz ist deine Farbe. Kann ich dich hören, ich kann etwas hören, ich kann etwas hören. Kleine Maschine, deine Farbe. Groß bist du in meinem Ohr, schwarze Maschine, groß bist du in meinem Ohr. Kleiner Mensch in der Unendlichkeit, Grün, Schimmernis, Wasser, Dunkelheit überall, Dunkelheit wird kommen. Kleine Maschine, wird kommen, schwarz ist deine Farbe, schwarz ist deine Farbe. Dunkelheit überall. Dein Name. Hier bin ich jetzt, ich bin jetzt hier, ich bin Hannes, hier bin ich. Kann ich dich hören, etwas, ja. Ja? Etwas, ja. Ja.


Ja.

Little black machine, I can hear you. Little black machine, can I hear you? Little machine. Black is your color. Can I hear you, something I hear, something I hear. Little machine, your color. Vast you are in my ear, black machine, vast you are in my ear. Little man in infinity, green, shimmerness, water, darkness everywhere, darkness will come. Little machine, will come, black is you color, black is your color. Darkness everywhere. Your name, your brother. Here I am now, I am now here, I am Hannes, here I am.  Can I hear you, something, yes. Yes? Something, yes. Yes.

Yes.


Freitag, 22. Juni 2012

Ursprung des Theaters der Nacht


Ein fahrender Scholare begegnet am Strand des Westsees, als er die sommerliche Lotuspracht bewundert, der weissen Schlange in Gestalt eines hübschen Mädchens und ihrer hässlichen Dienerin, der schwarzen Schlange. Bezaubert durch ihren Gesang und Liebreiz ehelichte er das hübsche Mädchen. Als sie eines Tages miteinander Schwefelblütenwein trinken, bewirkt der Trunk die Verwandlung in ihre wahre Schlangengestalt. Der Gatte flüchtet vor ihr in einen Tempel. Die liebestolle Dämonin verfolgt ihren Gatten, wird aber von einem zauberkundigen Priester in ein Schlänglein gebannt, das er in seine Almosenschale einschließt und in einer Pagode festhält. Hierher kommt eines Nachts der Gatte geschlichen. Er hat sich unter einem Vorwand die Schlüssel beschafft. Er hebt den Deckel von der Almosenschale des Magiers, ergreift die gefangene, kleine Schlange und schluckt sie hinunter. Zurück in seinem Haus ruft der Mann die Dienerin seiner Frau. Niemand antwortet auf sein Rufen, und als der verzweifelte Ehemann aus seinem Schlafgemach in die Eingangshalle des Hauses stürzt, ist dort alles dunkel, und alle Zimmer im Haus sind leer und verlassen.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Monolog des Quittenbaums


Ich bin die einzige Pflanzenart der Gattung Cydonia und gehöre zur Untertribus der Kernobstgewächse (Pyrinae) innerhalb der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Meine Blüten stehen einzeln an den Spitzen beblätterter Zweige. Ich bin, wie man auch sehen kann, ein laubabwerfender Strauch oder kleiner Baum, der Wuchshöhen von 4 bis 8 Meter erreicht. Mein behaarter Blütenstiel ist nur etwa 5 mm lang. Und die zwittrige, radiärsymmetrische, fünfzählige Blüte weist einen Durchmesser von 4 bis 5 cm auf mit doppelter Blütenhülle (Perianth). Die fünf auf beiden Seiten behaarten Kelchblätter sind zurückgebogen und 5 bis 6 mm lang, mit glattem Rand. Die fünf freien, weißen oder rosafarbenen Kronblätter hier sind verkehrt-eiförmig und etwa 1,8 cm lang. Und diese fünf unterständigen Fruchtblätter enthalten jeweils viele Samenanlagen. Die fünf freien Griffel sind an ihrer Basis flaumig behaart und fast so lang wie die Staubblätter. Ich blühe nur in einem kurzen Zeitraum im Mai und Juni. Da ich selbstfruchtbar bin, wird kein zweiter Baum zur Bestäubung benötigt, was eigentlich sehr praktisch ist, aber es wurde mir doch immer zum Problem, dass ich weder Mann noch Frau bin, sondern sowohl als auch. Gerade in der Schulzeit wusste ich damit nicht umzugehen. Als ich Geschlechtsreife erlangte, wie man so sagt, wurde mir bewusst, dass ich anders bin als die anderen. Also habe ich versucht, mich so anzuziehen, dass die anderen nicht sehen, dass ich zwittrige Blüten habe, also vor allem auch im Frühling und Sommer, wenn es so warm war, habe ich trotzdem immer ganz lange Sachen getragen, um meinen Körper möglichst zu verbergen. Nach dem Sportunterricht habe ich immer darauf geachtet, dass ich mich so umgezogen habe, dass niemand meine Blüten gesehen hat. Und ich bin deshalb auch nicht mit den anderen Duschen gegangen, das ging nicht, ich habe mich so geschämt dafür, wie ich bin. Natürlich haben die anderen schnell gemerkt, dass mit mir was nicht stimmt, was dazu geführt hat, dass ich sozial immer mehr isoliert wurde. Und es war ja auch so, dass ich auch sonst ein wenig anders aussah, weshalb schnell über mich herumerzählt wurde, dass ich eine schwule Schwuchtel sei, was mit der Zeit, so ab der neunten Klasse, dazu führte, dass mich eigentlich alle mieden, niemand mehr etwas mit mir zu tun haben wollte. Ich verbrachte die Pausen immer alleine, langweilte mich furchtbar und war sehr einsam, aber ich war schon froh, wenn ich von den anderen nicht noch geärgert wurde. Ich wurde durch die Isolation aber immer bedrückter, im Nachhinein würde ich sagen: richtiggehend depressiv. Meine Leistungen nahmen immer mehr ab, ich wurde immer schlechter in der Schule und meine Blätter welkten zum Teil schon im Frühsommer. Das mag jetzt irgendwie komisch klingen, aber für mich war das alles andere als komisch, für mich war es die Hölle. Irgendwann ging es nicht mehr, es ging so einfach nicht weiter, und obwohl niemand so recht verstand, wieso, und mir eigentlich meine Familie auch riet, die Schule unbedingt bis zum Abitur durchzuziehen, brach ich sie ab, an einem gewissen Punkt ging es einfach nicht mehr weiter.
Ich bin dann erstmal in ein tiefes, tiefes Loch gefallen. Knapp ein Jahr hing ich nur zuhause rum, völlig lethargisch und bin praktisch nicht vor die Tür gegangen. Ich habe es wirklich meinem näheren Umfeld zu verdanken, die zu mir gehalten haben und mich ermutigt haben, etwas anderes anzufangen, und mich nicht einfach hängen zu lassen. Nach einem Jahr habe ich mich aufgerafft, in der Nähe im landwirtschaftlichen Bereich ein Praktikum zu absolvieren, was auch zunächst ganz gut war, es hat mir ein wenig mehr Selbstbewusstsein verschafft, aber richtig aufgeblüht bin ich erst, als ich hierherkam, wo einfach das Klima viel offener ist. Das heißt nicht, dass ich nicht immer noch Probleme habe, ich treffe immer wieder auf den einen oder anderen, die damit nicht klar kommen, wie ich bin,  aber alles in allem kann ich inzwischen gut damit leben.

Sonntag, 17. Juni 2012

Jibbe Willems

(* 1977 in Arnheim) absolvierte 2003 ein Studium der Theaterregie in Maastricht. In seinen Stücken untersucht er die Schönheit des Scheiterns, die zerfransten Säume der Sprache und den unerreichbaren Zustand der Erhabenheit, in dem sich Leid und Glückseligkeit so nahe kommen, dass sie sich im Trost aufheben.


Freitag, 15. Juni 2012

„Ich nehme das Gurkensüppchen, das Rinderfilet und ein Stück Schokoladenkuchen auf Sahne.“
„Sehr wohl“, sagte der Kellner.
„Haben Sie auch Rosmarinkartöffelchen?“
„Ja, aber es sind eher Kartoffeln. Keine Kartöffelchen.“
„Ist gut. Die nehm’ ich.“
„Was möchten Sie trinken?“
„Ich glaube, ich nehme die Limonade, die grüne, ‚Jibbyjibby ...’ Wie spricht man das aus?“
„‚Jibbyjibbyjibbjibb-jibbjibb’“, sagte der Kellner mit einer atemberaubenden Schnelligkeit, die einem Kunststück gleichkam.
„Jibbyjibbyjibbyjibby“, versuchte ich es noch einmal.
„‚Jibbyjibbyjibbjibb-jibbjibb’.“
„Jibbyjibb-jibbyjibb?“
„Fast. ‚Jibbyjibbyjibbjibb-jibbjibb’.“
„Jibbyjibbjibbyjibb-jibb-jibbjibbjibb?“
„Üben Sie nur“, sagte der Kellner, „üben Sie nur, Sie bekommen’s schon noch hin.“
„Ach ja“, sagte ich, nachdem der Kellner weg war, und streckte die Beine unter dem Tisch aus.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Heute, auf dem Theaterfestival Neue Stücke aus Europa (1. Tag), waren in der Dokumentartheateraufführung Schwarze Milch (was mich übringens an den Text Milch aus schwarzer Schale von Michael Duszat erinnert, in dem es um Hexerei geht, wie ein bißchen auch in der Inszenierung hier in Wiesbaden und auf ebenfalls dokumentarische Weise, allerdings, wie hier in Wiesbaden am Ende  nicht, auf diese Weise: Dokument+Poesie - wo ist denn dieser Text Milch aus schwarzer Schale, den man, statt diese Inszenierung hier in Wiesbaden zu sehen, einmal und nocheinmal und wieder lesen sollte, wo ist er denn?) waren in der Dokumentartheateraufführung Schwarze Milch die Schauspielerinnen Kühe, die Brüste der Schauspielerinnen waren Euter, denn es war ein Stück über Kühe (in Lettland), und scherzhaft wurden sie, die Kühe in der Inszenierung, von einem der Schauspieler, der ein Bauer war, "Schauspielerinnen" genannt ("Meine Mädels, diese Kühchen, Schauspielerinnen sind das!").

Neben mir sagte ein Greis: "Scheiße, so ein Scheißstück", zwei Stunden lang, doch die Inszenierung endete nicht, sondern ging weiter und weiter, bis sie doch geendet ist.


Perineum


Am 14. Februar hatte ich plötzlich einen Einfall, der mich zu einer seltsamen Entdeckung führte. Ich hielt mir in meiner Wohnung in der Holsteinstraße einen kleinen Handspiegel zwischen die Beine und sah einen Ort, von dem ich nichts wusste. Mir war, als hätte ich diesen Ort, der dort zwischen Glied und Anus lag, noch nie zuvor gesehen, oder wenn ich ihn schon mal gesehen hatte, so hatte ich ihn vergessen über die Jahre, weil er nie erwähnt wurde, immer nur vom Glied gesprochen wurde oder vom Arsch, aber niemals von diesem sonderbaren Zwischenort, Perineum genannt, oder Damm, und ich hatte ihn nie gesehen, weil er sich vor den Blicken, die ja aus meinen Augen oben im Kopf herauskommen wie bei jedem, einfach versteckt hatte über all die Jahre.
Und nun sah ich plötzlich diesen Ort zwischen meinen Beinen, eine Landschaft, die dort in der Abgeschiedenheit prächtig zu gedeihen schien. Wälder wuchsen dort, eine zarte, hügelige Landschaft, in der Tiere weideten, zwischen Auen und Bächen. Über all die Jahre hatte man dort wohl auch Straßen gebaut, Siedlungen angelegt, und war zu einem Wohlstand gekommen, zu einer gewissen Blüte, Städte schossen empor. Und wenn man durch diese Städte hindurchging, über Boulevards und Alleen, so bekam ich den Eindruck, als sei die Bevölkerung hier sehr zufrieden, als fehle es an nichts. Ich ging für eine Weile umher und wunderte mich. Nach dem ich einige Zeit durch die Straßen flaniert war, setzte ich mich dort vor einer Eisdiele ins Freie. Am Nebentisch saß eine junge Frau, die Marina hieß und Deutsch als Fremdsprache unterrichtete, wie sich später herausstellte. Ich erzählte ihr, dass ich diesen Ort erst jetzt entdeckt hatte. Marina sagte, es läge wohl daran, dass die Region in den Medien und somit letztlich auch in der eigenen Wahrnehmung einfach vergessen werde, man einfach nicht von ihr spreche, weil sie in gewissem Sinn identitätslos sei. Man spreche eben entweder vom Meer, vom  Pimmel, von den Alpen oder vom Arschloch, aber nicht von etwas, das sich zwischen diesen Gefilden befinde, was touristisch natürlich eine ziemliche Katastrophe sei. Man versuche das jetzt aber zu ändern, indem man sich bemühe, der Region ein eigenes Profil zu geben, es handele sich ja auch um eine äußerst erogene Zone, das werde oft vergessen. Ja, sagte ich, das habe ich schon bemerkt, als ich hier umhergewandert bin, das hat sich sehr gut angefühlt. Genau, sagte Marina, siehst Du!

Mittwoch, 13. Juni 2012

Mittwoch, 6. Juni 2012






William Byrd (II) of Westover, 4. Mai 1711:

"Ich stand um 6 Uhr auf, las zwei Kapitel auf Hebräisch und ein wenig Griechisch in Lukian. Ich betete und nahm mein Frühstück zu mir. Ich tanzte meinen Tanz. Das Wetter war kalt. Ich schickte das Mädchen mit einem Brief, der von Mr. Perry betr. sein Schiff kam, zu Colonel Hill... Ich beglich meine Rechnungen. Mein krankes Dienstpersonal war wieder gesund, Dank sei Gott dem Allmächtigen. Meine Schwester und Colonel Eppes kamen und blieben zum Essen... Ich las bis zum Abend juristische Schriften und machte dann einen Spaziergang auf der Plantage, um zu sehen, wie alles stand, aber meine Frau blieb zu Hause und war melancholisch. Ich betete, erfreute mich guter Gesundheit, guter Gedanken und war gut gelaunt, Dank sei Gott dem Allmächtigen. Ich blies meiner Frau einen Tusch (d.h. er hatte Geschlechtsverkehr mit ihr)."

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Band 21, S. 189)

Dienstag, 5. Juni 2012

Ansage der Kollektiven Speisekammer von und mit Gabriela Oberkofler am 20. Mai 2012 während der Donaueschinger Heimattage in Donaueschingen




 Zur Feier dieses Tages und zum Wohl aller 
brachte Jeanette Ohnmacht aus Hüfingen Sauerkirschschnaps,
Marcel Frey brachte aus Karlsruhe 1 Einmachglas Trauben und 1 Einmachglas Pfirsich,
Jo Winter brachte aus Ammerbuch Krause XXX (getrocknet),
Dr. Elke Schatz brachte aus Villingen-Schwenn eingedünstete Williams Christ und Sauerkirschen,
Herbert Bayer brachte aus Donaueschingen eingelegte Paprika aus Vál in Ungarn, Gudrun Haug brachte aus Tuttlingen Orangenmarmelade,
Annegret Sulzmann brachte aus Hufingen Gepäck aus Marzipan,
und
Angela M. Flaig und Josef Bücheler brachten aus Rottweil Zwetschgenmus,
Dagmar Stark brachte aus Donaueschingen Marmelade Reneklode mit Zimt,
Martina Burger brachte aus Villingen-Schwenningen eingemachte Pfirsische,
Ulrika Murr brachte aus Donaueschingen-Wolterdingen Heimische Mirabellen,
Sigrun Arff-Schenk brachte aus Donaueschingen Fliederbeermarmelade,
und
Wolfgang und Adelheid Karrer brachten aus Donaueschingen Mirabellen-Chutney,
Reinhold Will brachte aus Donaueschingen Zwetschgenmus,
Dr. Angelika Munk-Rombach brachte aus Vöhrenbach Glühbirnen im 1,5 Liter Glas, eingemacht am 29.8.73, altersgemäß abgenutzt, oberste Glühbirne zerbrochen, und ein 1 Liter Weckglas „77er Birnen“ aus dem Haushalt der Schwiegermutter,
und
Dagmar Würthner brachte aus Trossingen 2 Ostereier und 3 Gläser Huflattich, XXXblüten und SpeisemarXXX,
Renate Bohrer brachte aus Königsfeld-Weiler Cantucini-Mandelgebäck, Schlehengelee, Kiwi-Bananen-Konfitüre, Quittengelee, Kompott, eingelegte Früchte, Raimund Oberföll brachte Birnen in Weisswein,
Annette Weyers brachte aus Tuningen Kirsch-Balsam-Essig aus eigener Produktion, das ist die Essigmanufaktur,
und
Sybille Schmid brachte aus Donaueschingen eingelegte weisse Kirschen,
Jutta Jäckel und Werner Barrho brachten aus Tuningen Vollkorn-Emmer-Nudeln,
Horst Fischer brachte aus Donaueschingen Rhabarber-Erdbeer-Marmelade,
Annette Baur brachte aus Donaueschingen Rote Beete,
und
Andreas Schmid brachte Aprikosen-Marmelade,
Eric Thomas brachte aus Donaueschingen Kürbis,
Annette Bikusch brachte aus Villingen Quittenschnitten,
Gerda und Eberhard Schmid brachten aus Donaueschingen eingekochte Mirabellen, und
Dagmar Igel brachte aus Brigachtal Schwarze Johannisbeeren / Jostabeeren-Konfitüre,
Ulrike Ritter brachte aus Donaueschingen 1 Glas Apfel-Konfitüre mit Vanille aus Jakob-Fischer-Äpfeln, Jakob Fischer, auch genannt „Der Schöne vom Oberland“,
und
Christa Maria Zimmermann brachte aus Donaueschingen ein Glas Konfitüre aus Zibarten, das sind Wildpflaumen, und Äpfeln,
Brigitte und Alexander Schmidt brachten aus Radolfzell Apfel-Zwetschgenmus mit Zimt, Quitten-Kürbis-Apfel-Chutney und Peperoncini,
Sabine XXX brachte aus Donaueschingen Zwetschgen-Rum-Topf,
Sigrun Arff-Schenk brachte aus Donaueschingen Fleischsülze,
und
Gabriele Reichle brachte aus Donaueschingen Holunderblütengelee und Holunderblütensirup,
und
die Evangelische Mattäusgemeinde brachte aus Villingen-Schwenningen Marbach selbstgekelterten Rhabarbersekt (Flaschengärung),
und
Dörthe Rothenhäusler brachte aus Villingen-Schwenningen Villingen Orangenmarmelade,
und
Margot Uhner brachte aus Tuttlingen eingeweckte Zwetschgen,
und
Stefan Gsellinger brachte aus Trossingen 1 Glas Honig,
und
Klaus Hoffmann brachte aus Villingen-Schwenningen Villingen 500g grob geschroteten Grünkern,
und
Michaela Tröscher brachte geräucherten Schinken,
Ingrid Schreck
brachte
aus Villingen-Schwenningen Villingen Rhabarber-Marmelade mit Zitrone,
Jeanette Ohnmacht brachte aus Hüfingen Erdbeer-/Waldfrucht-Marmelade,
Monika Marschall brachte aus Waldshut-Tiengen 16 Konfitüren, das sind 4 Muskateller Traubengelee,  1 Holundergelee, 2 Johannisbeergelee, 1 Brombeergelee, 3 Erdbeermarmelade, 1 Brombeer-Apfel-Marmelade, 2 Feigen-Marmelade, 1 Holunder-Birnen-Marmelade, 1 Feigen-Gelee und 1 Quitten-Gelee,
und sie brachte Feigensenf,
Andrea Böhringer brachte aus Waldshut-Tiengen Bio-Apfelmus,
Christine Müller brachte aus Donaueschingen Mixed Pickles,
Germana Metzger brachte aus Donaueschingen Zucchini süß-sauer-scharf, Ingwer Zwiebel Tomate, Kürbis-Ingwer süß-sauer, Johannisbeergelee und Schoko-Kaffee-Cassis-Likör,
Annette Rosenstiel brachte aus Hüfingen Rote Beete,
Klaus Scholl brachte aus Hüfingen Eingemachte Mirabellen,
und
Regina Plaschke brachte aus Donaueschingen Quittenmarmelade,
Claudia Weishaar brachte aus Donaueschingen 2 mal Heidelbeeren in Flaschen,
und
Gertrud und Siegfried Müller brachten aus Donaueschingen Apfelmus, Schlehen-Marmelade und Zwetschgen-Schoko,
Johanna Müller brachte aus Donaueschingen-Wolterdingen selbst eingemachte Mirabellen,
XXX Föhrenbach brachte aus Donaueschingen Quittengelee 2011, Jostamarmelade 2011, Roter Johannisbeersaft 2011 und Frühkirschen 2011,
T. XXX brachte Essiggurken,
Werner Barrho brachte aus Tuningen Urgetreide Emmer und Dinkel als Mehl und Nudeln, das sind 4 mal 800 Gramm Suppennudeln, 3,5 Kilogramm Emmervollkorn, 2,5 Kilogramm Dinkel und 1 Kilogramm Emmer Röhrlenudeln,
T. XXX brachte eingelegte Rote Beete,
Ursula Moch-Weiss brachte aus Donaueschingen eingelegten Knoblauch und Bärlauchpesto,
Gisela Rörch (Stadträtin) brachte aus Donaueschingen eigene Rumzwetschgen und Spezialmarmelade Brombeere / Weisser Rum + Chili,
Ingeborg Käfer brachte aus Brigachtal eingelegte Zucchini mit Curry und Zwetschgen mit Rotwein,
Elinor Verschoor brachte aus Donaueschingen Englische Orangen-Marmelade,
und
Marianne Riedmaier brachte aus Donaueschingen  Apfelgelee mit Schuss, Johannisbeergelee, Quitten, Apfelgelee mit Rosenblüten, Rumtöpfle und Birnen,
Barbara Zimmermann brachte aus Tannheim Rote Beete,
Liane Richter brachte aus Donaueschingen eingemachte Mirabellen,
Tanja Raufer und Lukas Gäbele brachten Zwetschgenschnaps,
und
Bernd und Constanze Amort brachten aus Donaueschingen Holundergelee,
Susanne XXX brachte aus Donaueschingen Bärlauchpesto, das ist Bärlauch in Öl mit Salz,
und
Heidi Kreuß brachte aus Brigachtal eingeweckte Frühpflaumen (säuerlich),
und
Claudia Hennemann brachte aus Donaueschingen-Wolterdingen Preiselbeeren aus dem Bregtal,
und
Christel Lang brachte aus Donaueschingen diverse Lebensmittel im Korb (rosa),
und
Heidi Noack brachte aus Donaueschingen eine Überraschung süßen oder saueren Inhalts,
und
Constance de Wijn
brachte
aus Donaueschingen Scharlotten-
und Feigen-Confitüre (süß-sauer).

(Listenarbeit: Hannes Becker, auf der Grundlange der handschriftlich ausgefüllten Spendenbögen)

Sonntag, 3. Juni 2012

HASS







Der 25 jährige Rudolph Gustav Hass möchte sich, aufgrund eines starken Gefühls in seiner Brust, im Jahr 1917 freiwillig zum Kriegsdienst bei der amerikanischen Armee melden. Es wird ihm aber die Teilnahme an den überseeischen Kampfhandlungen verweigert. Beim Militärarzt heißt es, was sich da geregt habe in ihm könne deutlich hörbar gemacht werden mittels eines herkömmlichen Stethoskops und würde gemeinhin als „murmur of the heart“ bezeichnet (murmur engl. für murmeln, raunen, murren, grummeln), ein Fehler am zentralen Organ, von deutschen Ärzten als „Herzgeräusch“ bezeichnet. Es handle sich dabei, teilte man dem zum bewaffneten Kampf in Europa bereiten Hass mit, um einen Geburtsfehler, der unter Umständen (das sei nicht überprüfbar) zwar verantwortlich sei für die Interpretation des Gefühls in seiner Brust als leidenschaftliche Abneigung, ihn jedoch in jedem Fall für den Militärdienst untauglich mache.
Dem ungeachtet hörte Rudolph Gustav Hass im weiteren Verlauf seines Lebens oftmals noch auf die Eingebungen seines murmelnden Herzens (im 6. Grad sehr laut, mit tastbarem Schwirren und Distanzgeräusch) – verliebte sich bald in seine spätere Frau Elisabeth Schuette und zog mit ihr nach Kalifornien, wo ihm die Züchtung einer neuen Avocadosorte gelang, die heute noch seinen Namen trägt und die, in der Mitte durchgeschnitten, wie die Landkarte des Inselstaates Sri Lanka aussieht. Ein Land, von dem man sagt, sein „Herz“ sei der Pidurutalagala, auch Mount Pedro genannt, ein 2534 Meter hoher Berg im zentralen Hochland, dessen Gipfel als militärisches Sperrgebiet deklariert und der Öffentlichkeit unzugänglich gemacht wurde.